Autor: Jürgen Rogge

  • Beitrag zur Lesung „Was wäre wenn…?“ beim BDSÄ-Kongress in Bad Herrenalb 2019

     

    In der zwölften Klasse kam mein Deutsch-Lehrer, Herr Bernien, gleich in der ersten Stunde zu uns. Deutsch war aber erst in der zweiten Stunde vorgesehen. Herr Bernien sagte uns, er habe sich die erste Stunde schenken lassen. Wir sollten einen Aufsatz schreiben. Gleich in Reinschrift. Das Thema schrieb er an die Tafel: „Was wäre, wenn…“

    Viel später erfuhren wir, dass es im Lehrerzimmer die Debatte gab, dass die Schüler von heute keine Phantasie mehr hätten. Es sei heftig gestritten worden. Nur wenige Lehrer, darunter Herr Bernien, schätzten ein, dass jedenfalls die 12 A, also wir, Phantasie hätte. Herr Bernien würde wetten wollen, dass das so sei. Und die Lehrer schlossen tatsächlich eine Wette ab. Und Herr Bernien beantragte auch noch die erste Stunde, die ihm dann abgetreten wurde. Ja, und Herr Bernien gewann die Wette.

    Ich schrieb zum Thema, was wohl wäre, wenn ich zaubern könnte. Dann würde ich alles, was ich lerne, sofort verstehen und behalten. Dann würde ich nach dem Abitur eine Weltreise machen. Ich würde fliegen können und die Erde umkreisen. Als ich über den Nordpol flog, sah ich Eisberge, wovon einer die Form von Anita Eckberg hatte, einer Schönen meiner Jugendzeit. Man durfte sie nur nicht anfassen, denn dann würde sie schmelzen.

    Herr Bernien lobte mich wegen meiner „köstlichen Phantasie“, las den ganzen Aufsatz der Klasse vor und betonte besonders die Passage mit Anita Eckberg. Ich sah ihm an, dass er die Dame auch gerne gestreichelt hätte. Aber so konnte er sich die Tiefe ihrer blassblauen Augen nur ausmalen. Und mir fiel auf, dass er sich beim Lesen die Lippen leckte.

    Tja, Lehrer sind eben auch nur Menschen.

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    Ich fühle mich gesund, und ich kann alles tun, was ich immer gemacht habe.

    Naja, ich bekomme schon mal eher etwas Luftnot, wenn ich zu schnell laufe. Und früher habe ich die Zähne gezählt, die mir so nach und nach ausfielen, heute zähle ich die, die noch meine eigenen sind.

    Aber Pillen jeden Tag, nein, die muss ich nicht nehmen. Habe ich gedacht, bis mir eines Tages meine Krankenkasse schrieb, die gar keine Krankenkasse ist, sondern eine Gesundheitskasse.

    Sie wollten wissen, ob ich denn schon zum Gesundheit-Check gewesen wäre. Na, ich kannte nur den Check von der Sparkasse. Dass das einen Check für die Gesundheit gab, wusste ich gar nicht. Ich habe dann angerufen bei der Gesundheitskasse und sie sagten, dass das alles in Ordnung wäre. Ich solle mir keine Gedanken machen, checken soll heißen, ich soll mich beim Arzt untersuchen lassen. Das hab ich dann meiner Edith zu erklären versucht und dass die Kasse und die Bank noch nicht fusioniert hätten, von wegen Check und so.

    Nun ja, ich bin also hin zum Doktor. Er sagte gleich, dass er 15 Minuten Zeit für die Untersuchung hätte. Ich solle mich oben herum ausziehen und mich dann hinlegen.

    Als ich fragte, ob ich die Schuhe ausziehen soll, rief er mit einem Grauen in der Stimme: „Nur das nicht!“

    Beim Ausziehen stellte er mir Fragen.

    Ob ich rauche. Nein, nur eine Zigarre in der Woche und mal eine Pfeife. Und wie viel ich trinke. So zwei Flaschen Bier am Abend, auch mal drei, wenn meine Edith eingeschlafen ist auf der Couch.

    Ob ich genug Wasser trinke. Nein, das ist ja wohl für Pferde und Rinder. Ob ich mich nur mit meiner eigenen Frau befasse oder auch mit anderen? Ich fragte: „Die letzten zehn Jahre oder überhaupt?“ Der Doktor kratzte sich am Kopf: „Sagen wir mal die letzten zehn Jahre“. Da nickte ich.

    Und er wollte wissen, ob ich genug Bewegung hätte und ob ich etwas für mein Denken täte. Da nickte ich auch.

    Und ob ich beim Wasserlassen mehr als eine Minute brauchte, von wegen der Prostata. Ich nickte wieder.

    Inzwischen hatte ich mich hingelegt. Der Doktor nahm die Taschenlampe und hielt sie mir vor das Gesicht. Ich machte den Mund auf und er sagte zu mir: „Komisch, ich will zuerst in die Augen leuchten, aber jeder reißt gleich den Mund auf“.

    Dann wollte er wissen, wann ich das letzte Mal beim Augenarzt war, von wegen des Augendrucks. Ich war noch nie in meinem Leben beim Augenarzt. Aber einmal im Jahr soll man doch den Augendruck messen lassen. Na, er würde mir eine Überweisung geben. Das Messen müsste ich aber selbst bezahlen.

    Dann guckte mir der Doktor in die Ohren. Das Trommelfell war nicht zu sehen vor lauter Schmalz. Das sollte ich mir beim HNO-Doktor raus machen lassen, dann könne ich auch wieder besser hören.

    Nun war der Blutdruck an der Reihe und dann wurden Lunge und Herz abgehört. Beim Herzen guckte er so, fühlte meinen Puls, schrieb etwas auf, sagte aber nichts.

    Danach griff er mir auf den Bauch und auf die Leber. „Die Leber ist etwas zu groß, wahrscheinlich zu fett. Ist ja auch kein Wunder bei dem Bier und dem Übergewicht. Ihr BMI ist 27.“

    „Mein was?“

    „Ach so, BMI, Body-Maß-Index, heißt soviel wie: Für ihr Gewicht sind Sie zu klein.“

    Im Sitzen schlug er mir auf einmal mit der Faust in die Nieren. „Na, das hat wohl wehgetan, tja, das sind die Nieren. Das kriegt der Nephrologe raus,  vielleicht auch der Urologe. Da müssen Sie sowieso hin, wegen der Prostata. Ich gebe Ihnen für jeden eine Überweisung, auch gleich für den Orthopäden.“

    Dann konnte ich mich wieder anziehen und hinsetzen. So gründlich in so kurzer Zeit, dachte ich, hat mich ja noch nie im Leben jemand untersucht. Aber das wird daran liegen, dass ich nicht krank bin.

    Der Doktor guckte mich an: „Das mit dem Übergewicht kriegen wir rasch in den Griff. Sie essen keinen Kuchen mehr, trinken ein Bier weniger und machen ein wenig Sport.“

    Ich nickte und dachte, dass ich mich auf den Kuchen doch schon freue, wenn ich mich zum Mittagsschlaf hinlege.

    Der Doktor: „Was mir Sorgen macht, ist der Herzschlag. Der Puls ist mit 90 in einer Minute zu hoch. Jeder Mensch hat nur eine bestimmte Anzahl Pulsschläge für sein Leben mitbekommen. Wenn die Schläge verbraucht sind, ist der Mensch tot. Wenn wir nun den Pulsschlag auf, sagen wir mal 80, herunterbekommen, können Sie vielleicht fünf Jahre länger leben als jetzt. Sie müssten also eine Pille nehmen, damit das Herz langsamer schlägt, aber vorher schicke ich sie noch zu einem Spezialisten, zum Kardiologen.“

    Hm, dies war ja nun was. Ich soll eine Pille nehmen.

    „Hat die denn auch Nebenwirkungen?“

    „Meistens nicht. Aber es kann sein, dass Sie müde werden, jedenfalls mehr als sonst.“

    „Das heißt, ich schlafe dann mehr?“

    „Ja.“

    „Dann lebe ich also länger, aber schlafe mehr? Dann habe ich ja gar nichts von dem längeren Leben?“

    „Doch, Sie erleben doch länger etwas, wenn auch für kürzere Zeit. Denken Sie doch einmal darüber nach. Hier sind erstmal sechs Überweisungsscheine. Wenn Sie bei allen Ärzten gewesen sind, kommen Sie wieder her.“

    Clever ist der Doktor, dachte ich. Schickt mich zu seinen Kollegen, damit ich überall die Extras bezahlen kann, und die schicken wieder Patienten zu ihm, damit sie die Akupunktur, die er macht, bei ihm bezahlen.

    Ich stand auf und fragte: „Abgesehen von der Müdigkeit, haben die Pillen noch andere Nebenwirkungen?“

    „Na ja, es kommt schon mal vor, dass die Potenz beeinträchtigt ist?“ „Und was mache ich dann?“

    „Dann nehmen Sie ein Potenzmittel. Viagra oder etwas anderes.“ „Dreimal eine?“

    „Um Gottes Willen. Nur eine Einzige und auch nur bei Bedarf.“

    „Warum muss man denn damit so vorsichtig sein?“

    „Weil man die überhaupt nur nehmen darf, wenn das Herz in Ordnung ist und der Pulsschlag nicht zu hoch!“

    Als ich an diesem Tag nach Hause kam, fühlte ich mich irgendwie ein wenig krank. Ich ging in die Küche und trank erst einmal ein Bier. Dann aß ich das Stück Kuchen von nachmittags auf, steckte mir eine Pfeife an und holte den Eierlikör, den meine Frau so gerne trinkt, aus der Kammer. Danach goss ich mir einen Kognak ein und sagte zu meiner Edith: „Heute machen wir uns einen richtig schönen Abend.“ Und das haben wir auch getan.

    Nachts habe ich dann geträumt, dass der Doktor mir mit den Akupunkturnadeln in die Prostata gestochen hat. Und meine Edith hielt dabei die Taschenlampe, während die Frau von der Gesundheitskasse einen Check für den Augenarzt ausschrieb, der meinen Kuchen aß.

    Und ich habe die dreieckige Pille, ganz blau war sie, in den Eierlikör geworfen, der dann grün geworden ist. Mein Puls war auf sechzig Schläge pro Minute herunter, und ich war so müde, dass ich länger schlief als ich gelebt habe.

     

     

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    Ich stehe am Ufer der Stepenitz und schaue in das leicht getrübte Wasser. Eben noch war ich am neuen Kreisverkehr vorbei gekommen. Nun sind wir also mit zwei Kreisen ausgestattet. Als Kreisstadt eigentlich etwas wenig, hatte ich noch so gedacht. Andererseits reicht das auch wieder aus, es dreht sich ja sowieso oft genug alles im Kreise.

    Ich schaue also in das Wasser. Und was sehe ich? Gesichter von lauter Nixen. Welch entzückende Wesen! Nun gucke ich genauer hin. Alle kommen mir bekannt vor. Ja, richtig, es sind die Gesichter meiner früheren Geliebten.

    Das waren durchweg erlesene Schönheiten. Ihr Charakter war vom Feinsten, eine tugendhafter als die andere. Und alle aus Perleberg.

    Die erste Geliebte, sie trug blonde, lange Haare, Spielte Klavier, war immer voller Hoffnung. Sie erfreute sich am Heute und erwartete neue Freuden im Morgen. Es machte ihr nichts aus, Lasten zu tragen. Durch das Verbreiten von Hoffnung machte sie die Schwachen, auch mich, stark. Sie besaß auch Wagemut und Geduld.

    Die zweite Geliebte, sie spielte hervorragend Cello, war von dem Glauben an Liebe erfüllt. Glauben, sagte sie, sei leichter als Denken. Und Liebe, sagte sie, die sich nicht überwinden lässt, überwindet alles. Ein Leben ohne Liebe ist kein Leben. Liebe ist weise gewordene Begierde. Wo Freude wachsen soll, da muß man Liebe säen.

    Die dritte Geliebte hatte kurze schwarze Haare und war deutlich älter als ich. Sie spielte Blockflöte und wirkte sehr weise. Ihre Maxime war ein Sprichwort aus Mosambik: Die Weisheit ist wie ein Affenbrotbaum, man kann sie nicht umfassen. Und sie liebte das deutsche Sprichwort: An drei Dingen erkennt man den Weisen: Schweigen, wenn Narren reden. Denken, wenn andere glauben. Handeln, wenn Faule träumen. Und mit gütigem Lächeln sagte sie: Wo einer weise ist, sind zwei glücklich.

    Die vierte Geliebte, sie spielte mit Hingabe Querflöte, vertrat vordergründig die Gerechtigkeit, denn wo keine Gerechtigkeit ist, ist kein Friede. Und wo Gewalt Herr ist, da ist Gerechtigkeit Knecht.

    Die fünfte Geliebte, sie trug kastanienbraunes Haar und spielte Geige, war tapfer in ihrer Genügsamkeit. Sie meinte, den Mutigen gehöre die Welt. Und wie sagte sie so treffend? Fleiß ist des Glückes rechte Hand, Genügsamkeit die linke.

    Die sechste Geliebte hörte gerne klassische Musik und hatte häufig die entsprechenden Partituren dabei, um zu vergleichen, ob das Orchester auch richtig spielte. Sie hielt es besonders mit der Wahrheit. Ehrlich währt am längsten. Aufrichtigkeit überwindet alle Hindernisse.

    Die siebente Geliebte, sie hatte ihre Haare an den Schläfen grünlich gefärbt und sang ein wunderbares Alt, übte insbesondere Barmherzigkeit, denn diese ist größer als das Recht. Dabei sei zu differenzieren: Barmherzigkeit gegenüber den Wölfen ist Unrecht gegen die Schafe. Verbunden mit der Barmherzigkeit war bei dieser Frau ihre Friedfertigkeit. Sie ging davon aus, dass ein friedlicher Strom blühende Ufer hat.

    Die achte Geliebte, sie spielte Orgel und hatte ihre Haartracht mit kleinen falschen Zöpfchen verschönert. Sie ging davon aus, dass Güte mehr als Gewalt tut. Wer Güte erweist, kann Güte erwarten. Gleichzeitig war diese Frau voller Demut und sagte einmal: Besser demütig gefahren als stolz gegangen.

    Dann sah ich, wie sich die Geliebten alle auf der Wiese im Hagen  versammelten, ihre Masken vom Gesicht nahmen und darüber schmunzelten, dass ich ihnen all ihre Tugenden geglaubt hatte.

    Ah, dachte ich, es ist also nicht alles echt, die Frauen tragen Masken.

    Ich ging rasch nach Hause zu meiner Frau und wollte ihr die Maske vom Gesicht reißen. Doch sie trug keine.

     

  • Beitrag zum BDSÄ-Jahreskongress in Wismar 2018

     

    Männer sind das Haupt der Schöpfung

     

    Ich war gestrandet und fand mich auf einer einsamen Insel wieder. Als ich genauer hinschaute, stellte ich fest, dass sie gar nicht so einsam war. Ich befand mich unter lauter Männern. Das war sehr interessant, sie zu beobachten und ihnen zuzuhören und über sich selbst nachzudenken. Ich bekam Lust, über diese Erlebnisse Geschichten zu schreiben, aber ich fand nur ein kleines Notizheft und einen Bleistiftstummel. Da habe ich mich beschränkt und jeden Tag einen Aphorismus geschrieben.

    Hier ein paar Auszüge aus meiner Sammlung:

    Männer sind das Haupt der Schöpfung,
    Frauen die Krone.

     

    Was sagt ein Mann, wenn er bis zum Hals im Wasser steht?
    Das geht über meinen Verstand.

    Was ist der Unterschied zwischen Männern und Schweinen?
    Schweine verwandeln sich nicht in Männer, wenn sie betrunken sind.

     

    Männer denken immer nur an Sex?
    Nein. Nur wenn sie denken.

    Der Mann überlegt:
    Wenn ich sie umbringe, bin ich in 15 Jahren frei.
    Wenn nicht, habe ich lebenslänglich.

    Allein im Paradies, dachte Adam, bleibt auf die Dauer unbefriedigend.

     

    Am Abend vor der Hochzeit feiert der Mann den Folterabend, ohne es zu merken.

     

    Erst, als er zu ihr zog, fand sie die Kraft zur Trennung.

     

    Angesichts der hohen Scheidungsraten sollten wir uns an Thailand erinnern.
    Dort gelten Männer erst als heiratstauglich, wenn sie 1 1/2 Jahre als Mönch gelebt haben.

     

    Alle Männer sind gleich, zumindest unter Alkohol.

     

    Er hat schon wieder eine neue Frau.
    Kein Wunder. Das sind die Wechseljahre.

    Erst zählte er die Zähne, die ihm ausfielen,
    dann die, die er noch hatte.

     

    Er arbeitete als Vertreter und wusste:
    Staubsaugervertreter verkaufen Staubsauger.
    Versicherungsvertreter verkaufen Versicherungen.
    Es gibt auch Volksvertreter.

    Frauen können fast alles.
    Männer machen fast alles.

    Freiheit:
    Im Drang nach einem Stück persönlicher Freiheit schloss sich Herr. W., verheiratet, ab und zu in sein Badezimmer ein. Einmal brach er sogar den Schlüssel ab.

    Einmal wurde er gefragt:
    Haben Sie ein Zertifikat oder beherrschen Sie Ihr Metier?

    Er dachte, er würde auf schöne Menschen treffen.
    Aber alle sahen so aus wie er.

    Im Alter, stellte er fest, wird nicht alles langsamer.

    Man wird schneller müde, das Vergessen geht auch rascher.

    Meine erste Ehe, dachte er, dauerte vier Jahre, die zweite vierzig. Die war schlimmer.

    Manchmal streiten sich zwei Frauen um einen Mann wie zwei Löwinnen um einen Esel.

    Er trug viel mit sich herum, besonders Geheimnisse.

    Mein erster Mann war gehörlos. Mit ihm konnte ich mich besser unterhalten als mit meinem jetzigen.

    Magnetismus: Wer sich liebt, zieht sich an.
    Und ich dachte immer: aus.

    Sie sagte: Trink, damit du die Vergangenheit vergisst.
    Er antwortete: Ich trinke, um nicht an die Zukunft zu denken.

    Seine Frau lag im Sterben und gab ihm letzte Anweisungen:
    „Bleib nicht allein. In einem Jahr nimmst du Stine.“
    „Nein. Das tue ich dir nicht an. Ich habe schon mit Ida gesprochen.“

    Er aß keine Zunge, weil sie schon in einem Maul war.
    Aber warum aß er Eier?

     

    Trennkost:
    Meine Frau isst in der Küche, ich im Wohnzimmer.

    Was war der erste Mann auf dem Mond?
    Ein guter Anfang.

    Zunehmenden Egoismus erkennt man auch daran,
    dass die Menschen einander weniger häufig einen „Guten Tag“ wünschen,
    allenfalls „Hallo“ sagen oder gar nichts.

    Neulich kam ein dicker Mercedes in unser Dorf und hielt an meinem Gartentor an. Der Fahrer fragte: „Wie heißt das hier?“
    Ich sagte: „Guten Tag.“

    Ein Mann stellte fest:
    Das Leben fährt man im Zickzack.
    Doch am schönsten sind die Kurven.

    Das ist mein Ehering, sagte er. Mit Schmuck hat das nichts zu tun.

     

    Ein Mann gewöhnt sich an alles, sogar an sich selbst.

     

    Es gibt schöne Frauen und gute Weine.
    Auch umgekehrt, aber selten.

    Der Weingeist verwandelt den Mann in Tiere:
    Nach einer Flasche ist er fromm und zahm wie ein Lamm.
    Nach zwei Flaschen ist er lustig wie ein Affe.
    Nach drei Flaschen streitet und brüllt er wie ein Löwe.
    Nach vier Flaschen wälzt er sich und grunzt wie ein Schwein.

    Der Müllersbursche saugte das Blut von Mäusen auf.
    So lernte er das Mausen.

    Sie sagte zu ihm:
    Die Liebe endete, als du mir nicht mehr zuhörtest, wenn ich schwieg.

    Die Strafe für Bigamie: Drei Frauen.

    Frauen können alles ertragen, selbst Männer.

    EHE:  Errare humanum est.

    Er stellte fest, dass es verschiedene Versprechen gibt, zum Beispiel Wahlversprechen, Eheversprechen und richtige.

    Eigentlich komisch: Mir fällt nicht ein einziger Mann ein, der für die Gleichberechtigung der Frau kämpfte.

    Was geschieht, wenn ein Mann sich scheiden lässt?
    Er verliert 90 % seiner Intelligenz.

    Was soll eine Frau tun, wenn ein Mann in ihrem Garten herumhüpft?
    Weiterschießen.

     

    Es gibt zwei Situationen, in denen ein Mann seine Frau nicht versteht: Vor der Ehe und während der Ehe.

    Wir versuchen, ihn von der Küche fernzuhalten.
    Das letzte Mal hat er den Salat anbrennen lassen.

    Disziplin ist die schwierige Fähigkeit,
    dümmer zu erscheinen als der eigene Mann.

    Eine Frau heiratet mangels Erfahrung,
    lässt sich scheiden mangels Geduld,
    heiratet erneut mangels Gedächtnis.

    Für eine Frau ist Schönheit wichtiger als Intelligenz.
    Denn für Männer ist Sehen leichter als Denken.

    Der Nikolaus,
    der Osterhase,
    ein schöner, junger, intelligenter Mann
    und eine Putzfrau steigen gemeinsam in einen Aufzug.
    Wer drückt auf den Knopf?
    Die Putzfrau. Denn die anderen existieren ja gar nicht.

     

    Männer sind wie Heftpflaster.
    Es gibt zwei Sorten: Die eine Sorte hält nicht,
    die andere geht nicht ab.

    Warum haben Männer ein reines Gewissen?
    Weil sie es noch nie benutzt haben.

    Was hat ein Mann, der einen Strohballen hinter sich her zieht?
    Einen externen Speicher.

    Es würden viel mehr Männer weg ziehen,
    wenn sie wüssten, wie man Koffer packt.

    Was ist der Unterschied zwischen Männern und Batterien?
    Batterien haben auch einen positiven Pol.

    Was ist der Unterschied zwischen Männern und Käse?
    Käse reift.

    Was dauert länger, das Bauen eines Schneemannes oder einer Schneefrau?
    Das Bauen eines Schneemannes natürlich. Das Aushöhlen des Kopfes braucht einfach seine Zeit.

    Der Unterschied zwischen Männern und Kindern liegt nur im Preis für ihre Spielsachen.

    Kolumbus war das unvergessliche Beispiel für einen Mann:
    Er wusste nicht, wohin er fuhr.
    Er wusste nicht, wo er war.
    Und er tat es mit dem Geld einer Frau.

    Warum herrscht solch ein Durcheinander?
    Weil Männer die Welt beherrschen.

    Warum lassen Männer, die betrunken nach Hause kommen, ihre Sachen auf dem Boden liegen?
    Weil sie noch drin sind.

    Wie viele Männer braucht man, um ein Zimmer zu tapezieren?
    Kommt darauf an, wie dick man sie in Scheiben schneidet.

    Das Seniorenalter ist der Lebensabschnitt, in dem es einen Mann nicht mehr sonderlich interessiert, wohin seine Frau geht,
    es sei denn, sie will, dass er mitkommt.

    Was sollte man einem Mann schenken, der alles hat?
    Eine Frau, die ihm zeigt, wie es funktioniert.

     

    Das Schlimmste an den meisten Männern ist nicht ihre Unwissenheit,
    sondern dass sie so vieles wissen, was gar nicht stimmt.

    Bildung:
    Ich kann mir nie merken, wann Goethe den Faust gemalt hat.

    Das männliche Gehirn ist wie das Gefängniswesen.
    Es sind immer zu wenige Zellen da.

    Sobald sich ein Mann Ohropax in die Ohren steckt,
    ist an Hohlraumversiegelung zu denken.

    Warum freuen sich Männer, wenn sie ein Puzzle in einem halben Jahr fertig bekommen?
    Weil auf der Packung steht: Zwei bis vier Jahre.

    Sobald ein Mann verkalkt ist, hält er sich für ein Denkmal.

    Es ist bestimmt kein Zufall, dass man als Vogelscheuchen meistens Männer aufstellt.

    Es stimmt nicht, dass verheiratete Frauen länger leben als ledige. Es kommt ihnen nur länger vor.

    Die Frau ist die einzige Beute, die ihrem Jäger auflauert.

    Was haben Wolken und Männer gemeinsam? Wenn sie sich verziehen, kann es noch ein schöner Tag werden.

    Welches ist der schnellste Weg zum Herzen eines Mannes? Durch die Brust mit einem spitzen Messer.

    Was ist ein Mann zwischen zwei Frauen? Eine Bildungslücke.

    Er ruft zur Küche: Bring mal das Bier!
    Sie: Wie heißt das Wort mit den zwei „T“?
    Er: Aber flott.

    Warum kommen nur 10 % aller Männer in den Himmel?
    Wenn alle hinein kommen würden, wäre es ja die Hölle.

     

    Wie nennt man eine Frau, die weiß, wo ihr Mann jeden Abend ist? Eine Witwe.

    Bei Männern ist ein Gehirnschlag ein Schlag ins Leere.

    Der Singular von Lebensgefährte heißt Lebensgefahr.

    Der Reiche: Was denken Sie, wie viele Freunde ich habe? Bei meinem vielen Geld.

    Die Frauen, die den Besseren suchen, finden den Anderen.

    Wenn Männer nur Wasser trinken würden, müssten sie ja verrosten.

    Warum in die Ferne schweifen, sagte er sich. Sieh! Die Gute liegt so nah.

    Eines Nachts sah ich in der Ferne Lichter. Oh, dachte ich, ein Schiff, das mir vielleicht Rettung bringt. Ich ging an den Strand, wo gerade ein Bott mit mehreren Frauen an Bord einlief. Die waren bereit, mich zum Festland mitzunehmen. Nach kurzen Gedankenaustausch wurde mir klar, dass es auch bei den Frauen, genau wie bei den Männern, drei Gruppen gibt:  Die Schönen, die Intelligenten und die Mehrheit.

    Copyright Dr. Jürgen Rogge

  • Ein Beitrag zur Lesung Gehen oder Bleiben beim BDSÄ-Kongress in Gummersbach 2017

     

    Ein Blütentraum 

    Immer, wenn ich durch Schönhagen fuhr, der an dem verzweigten See gelegenen Stadt mit einer doppeltürmigen Kirche, stieg in mir die Erinnerung an Dich auf.

    Bevor der Zug hielt, blickte ich in die Bahnhofstraße, eine Allee mit japanischen Zierkirschen, die zur Blütezeit im Mai mit ihrem strahlenden Weiß-Rosa die Seele heller leuchten ließ.

    Und wenn der Zug hielt, schaute ich auf den Bahnsteig hinaus. Aber ich sah Dich nie.

    Hätte ich aussteigen sollen, um Dich zu suchen? Nein. Das Leben war anders gelaufen. Ich hatte schließlich Familie, Kinder, eine interessante Arbeit.

    Und doch. Ich musste an Dich denken.

    Warum bin ich nicht bei Dir geblieben? Du warst so großartig. Dir vor allem verdanke ich  so wunderbare Erlebnisse und Gefühle. Wir konnten so herrlich miteinander lachen. Was haben wir nicht alles gemeinsam unternommen!

    Du warst nicht nur schön, sondern auch klug. Das in einer Person, sagte mein Vater, finde sich selten.

    Du spieltest Flöte und machtest mich mit Musik vertraut, die ich nicht kannte. Ich war fasziniert davon, wie Du die richtigen Finger im richtigen Moment auf die richtigen Öffnungen setzen konntest, damit der richtige Ton entstand. Ich durfte auch probieren, aber es kam nur ein Quietschen zustande.

    Als wir in Berlin waren und Du mich in die Staatsoper zum Violinkonzert von Mendelssohn-Bartholdy führtest, lernte ich eine ganz andere Welt kennen. Aber als Du mir die Schallplatte mit diesem Konzert, Du hattest sie unter Schwierigkeiten gerade erst erworben, eine Woche  später vorspieltest, kam mir die Musik nur „irgendwie bekannt“ vor.

    Du warst mir in dieser Beziehung über, ebenso beim Anhören von Balladen, die Peter Anders sang. Und Du verfolgtest sogar alles auf der Partitur.

    Ich besitze diese Schallplatten noch und höre sie zuweilen.

    Weißt Du noch, als wir zelteten? Nachts kamen Wildschweine. Ohne Dich hätte ich mich nicht getraut, sie zu vertreiben. Wir gingen dann noch am See entlang. So schön hat der Mond – ganz nahe, groß und orangefarben leuchtete er – nie wieder geschienen. Über dem Wasser zogen zarte Nebelschwaden dahin. Beim Fangen von Glühwürmchen glitten wir ins schon etwas feuchte Gras, was wir erst später bemerkten. So laue Nächte gab es niemals mehr.

    Als wir einmal an den FKK-Strand gelangten, bedeutetest Du mir, dass das noch nichts für mich sei.

    Nun ja, von zu Hause kannte ich Nacktbaden nicht. Aber Du warst doch ohne Badeanzug noch viel schöner als mit. Deine ebenmäßigen Beine waren an den Waden mit kleinen schwarzen Fusselhaaren bedeckt. Du hattest es gerne, wenn ich sie Dir streichelte. Heute rasieren sich die Mädchen diese Haare ab und erinnern mich an Nacktschnecken.

    Oh, und die Leberflecke auf Deinem Rücken sahen aus wie das Sternbild der Waage. Du hattest gescherzt: „Wer waagt, gewinnt.“

    Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass Du die Gans zum Mittag im Backofen braten musstest. Deine Mutter wollte mir wohl zeigen, dass Du auch kochen konntest.

    Und ich durfte die braun gebratene Gans zerlegen. Vermutlich wollte Deine Mutter sehen, ob ich das Tranchieren beherrsche.

    Als ich den ersten Flügel abtrennte, kam noch Blut aus dem Gelenk. Die Gans war nicht gar geworden. Ein Schreck für Deine Mutter und vor allem wohl für Dich. Und sofort erklärtest Du, dass wir Chinesisch essen würden. In China würde, jedenfalls bei Ente, nur die Oberschicht mit der Haut in Oblatenstärke abgetrennt und verspeist. Das hattest Du gelesen, wie Du mit später verraten hast. Wir aßen also Chinesisch und die Situation war gerettet.

    Später haben wir noch oft darüber gelacht, vor allem über das Gesicht Deiner Mutter.

    Du konntest auch so unbeschwert tanzen. Unvergesslich, Dich in den Armen zu halten.

    Als Du auf dem Betriebsfest, wohin ich Dich mitgenommen hatte, in Deinem weißen Kleid mit dem wehenden Rock allein weiter tanztest, weil Du nicht bemerktest, dass die Musik gar nicht mehr spielte, bildeten die Anwesenden einen Kreis und klatschten im Takt. Und mein Chef, verheiratet, drei Kinder, sagte zu mir: „Schauen Sie sich das an! Da bekommt man doch gleich Lust auf was Neues.“

    Ach, Deiner Mutter hattest Du auf eindringliche Nachfrage erzählt, ich hätte versucht, Dich zu küssen. Dabei hatten wir uns längst geküsst. Und wie!

    Deine Mutter stellte mich zur Rede: ob denn das jetzt schon sein müsse? Brav und etwas eingeschüchtert hatte ich verneint, wurde aber rot bei dieser Lüge.

    Ich musste an den Tag denken, den wir bei meinen Eltern, als sie im Urlaub waren, im wesentlichen im Bett verbrachten, so wie Klärchen und Wolfgang in Kopenhagen. Du hattest lächelnd aus dem Fenster in den blauen Himmel geschaut und festgestellt: „Ihr habt aber eine hübsche Stadt hier.“

    Und haben wir nicht herrlich verspielt mit Deiner kleinen Schwester herum getollt? Sie hing an mir wie an einem großen Bruder. Oder – ich war ganz erschrocken bei dem Gedanken – wie an einem Vater?

    Einmal hatte sie Schluckauf, schon seit Stunden. Tiefes Einatmen und Luftanhalten hatte nicht geholfen. Da nahmst Du die Sache in die Hand:

    „Leg Dich mal hin“, sagtest Du. „Die Augen schließen. Tief einatmen. Die Luft anhalten. Und an den Schluckauf denken. Wie sieht er aus? Welchen Mund hat er? Wie groß ist seine Nase? Siehst Du ihn? Ganz dunkelgrün ist er.“

    Deine Schwester nickte.

    „Nun fliegt er in den Himmel, an den Kuschelwolken vorbei, wird immer kleiner. Weg ist er.“

    Und tatsächlich, der Schluckauf war verschwunden.

    Deine Schwester fragte ungläubig: „Woher hast Du gewusst, wie er aussieht?“

    Du hattest Deine langen Wimpern bedeutsam auf und zu geklappt und geantwortet: „Ich wusste es nicht, ich habe es nur geahnt.“

    Warum war unsere Liebe eigentlich verschwunden?

    Manchmal dachte ich, sie ist gar nicht zu Ende gegangen.

    Warum geht eine Liebe überhaupt vorbei? Und warum beginnt sie? Wieso verliert am Beginn alles bisher Gewesene seine Bedeutung?

    Als Du mir in einer dunklen Nacht ins Ohr flüstertest, Du wünschtest Dir ein Kind von mir, hattest Du mich damit erschreckt. Du dachtest ans Heiraten. Und ich wollte nicht, jedenfalls noch nicht. Bindungsangst nennt man das wohl.

    Ich verhielt mich zögerlich bis ablehnend, wollte plötzlich nach Hause.

    Du hast mich zum Bahnhof begleitet und geweint. Der Zug fuhr erst in einer Stunde. Die ganze Zeit hast Du geweint.

    Dann sah ich Dich nie wieder.

    Aber immer, wenn ich durch Schönhagen fuhr, warst Du mir wieder nah.

    Dein Lachen erinnerte mich an unsere glücklichen Zeiten. Dein Weinen weckte Schuldgefühle in mir.

    Ich bin Dir unendlich dankbar.

    Du hast mir die Augen geöffnet für Donizettis „Liebestrank“, für die Musik von Mendelssohn-Bartholdy im „Sommernachtstraum“ und für den großen Geiger und Dirigenten Yehudi Menuhin. Für Kurt Masur – noch in Berlin – mit „Le Sacre du Printemps“ von  Strawinsky und Manfred Krug in „Porgy and Bess“, für die Felsenstein-Inszenierungen an der Komischen Oper insgesamt. Für Wolf Kaiser als Mackie Messer und Helene Weigel als Mutter Courage im Berliner Ensemble. Für die ganze Kulturszene überhaupt. Und für viele andere Dinge des Lebens und Liebens, deren ich mir erst nach Dir bewusst wurde.

    Heute fuhr ich wieder durch Schönhagen.

    Zu Füßen der japanischen Kirschbäume war ein Meer von Blütenblättern zu rosafarbenen Schneehaufen aufgetürmt. Die Äste wirkten noch ein wenig kahl, denn erst jetzt, nach der Blüte, begannen die ersten Blätter zu sprossen.

    Wie gewohnt, sah ich auf den Bahnsteig, um nach Dir zu schauen.

    Ein heißer Schauer durchfuhr mich. Da standest Du. Schlank wie eh und je. Die dunklen Haare immer noch sportlich kurz. Deine Augen wie Kohlen. Dein Lachen  dunkler als früher.

    Ich stürzte aus dem Zug, als zum Einsteigen aufgerufen wurde, und eilte auf Dich zu.

    Fast, aber eben nur fast, hätte ich Dich umarmt.

    Ich sah Deinen Mund mit den senkrechten Falten in der Oberlippe. Es war der Mund meiner Mutter. Hab ich Dich deshalb geliebt? Gibt es tatsächlich so eine Prägung?

    „Hallo, erkennst Du mich nicht?“

    Du gucktest verständnislos.

    „Ich bin es. Georg Falkenstein!“

    Erkanntest Du mich wirklich nicht? Na ja, 50 Jahre sind eine lange Zeit. Ich war fülliger geworden, eben älter, hatte keine Haare mehr auf dem Kopf und trug eine Brille.

    Du sagtest: „Falkenstein? Georg Falkenstein? Irgendwo muss ich den Namen schon einmal gehört haben.“ Dabei schütteltest Du leicht den Kopf.

    Und Du gingst davon, erst langsam, dann immer schneller.

     

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    Ein entfernter Onkel von mir plauderte gerne aus seiner Vergangenheit. Er hatte etliche Jahre als Arzt in einem Gefängniskrankenhaus gearbeitet.

    Einmal erzählte er folgende Begebenheit:

    Im Krankenhaus waren für jede Station einige Gefangene als Hilfskräfte ausgewählt, sie hatten eine Sonderstellung: Man nannte sie Kalfaktoren.

    Einer von ihnen, Walter Pingel, von Beruf Bäcker, war besonders geschickt und zuverlässig. Als er nach zwei Jahren entlassen wurde, bedauerten wir alle, dass seine Freiheitsstrafe nicht länger währte. Zum Abschied bedankte er sich sehr, denn er fühlte sich gut behandelt und er war froh, dass wir ihn im Krankenhaus behalten hatten und er nicht wieder in die Braunkohle zurück musste, wo er das erste Jahr verbüßt hatte.

    Walter Pingel, ein Mecklenburger, versprach, für unsere Station eine wunderschöne Torte zu backen und eigenhändig zum Krankenhaus zu bringen. Wir brachten unsere Freude darüber zum Ausdruck und nahmen das Versprechen als gutgemeinten Gedanken, nicht an die Verwirklichung glaubend. Aber, er war eben ein Mecklenburger. Versprochen ist versprochen.

    Drei Wochen später bekam ich telefonisch vom Wachgebäude Bescheid, dass ein Herr Pingel mit einer Torte im Karton gekommen sei und diese für unsere Abteilung abgeben wolle. Am liebsten würde er sie mir, dem Chefarzt, übergeben. Der Karton sei bereits geprüft, es sei wirklich eine Torte darin und geviertelt sei sie auch schon, um sicher zu gehen, dass in der Torte keine Feile und kein Messer versteckt seien.

    Ich gab Anweisung, Herrn Pingel in den Besucherraum zu führen und dort auf mich zu warten.

    Herr Pingel übergab mir dann mit Stolz die selbstgebackene Torte. Sie war mit Sahne ummantelt, deren Oberfläche mit Raspelschokolade bedeckt war und am Rand 16 Sahnerosetten trug, darauf jeweils eine kandierte Kirsche.

    Herr Pingel wollte sicher sehen, wie mir die Torte schmeckte und bat mich, gleich ein Stückchen zu probieren. Das wollte ich nur tun, wenn er ein Stückchen mitessen würde. Er willigte ein. Der Wachmann lehnte ab. Die Torte schmeckte fantastisch. Herr Pingel war voller Freude. Er erklärte mir, dass er sechs Eier verwendet hatte, deren Eiweiß zu Schnee geschlagen worden war. Das Eigelb hatte er mit Zucker schaumig gerührt und unter die im warmen Wasserbad geschmolzene Kuvertüre mit Butter gezogen. Die weiteren Schritte der Herstellung konnte ich mir nicht merken.

    Jedenfalls wurde der gebackene und erkaltete Biskuit waagerecht zweimal durchschnitten und mit Kirschsaft und Kirschwasser getränkt. Die Zwischenräume wurden mit Sahne ausgelegt. Verwendung fanden auch Zucker, Mehl, Speisestärke und Backpulver. Er wolle mir gerne das Rezept zusenden.

    Ich erkundigte mich nach Frau und Kindern und der Wiederaufnahme der Tätigkeit als Bäcker. Alles erschien positiv. Herr Pingel verabschiedete sich und ich ging mit den 14 Stücken  Torte zu meiner Krankenstation, wo ich ein gemeinsames Kaffeetrinken mit Torte für den Nachmittag plante.

    Als ich mein Zimmer betrat, sagte mir die Sekretärin, ich solle sofort zum ärztlichen Direktor kommen. Warum, dass wusste sie nicht.

    Der Direktor hatte inzwischen durch den Diensthabenden der Wache von der Tortenübergabe erfahren und machte mir heftige Vorwürfe, dass ich die Torte überhaupt angenommen hatte. Und das von einem ehemaligen Gefangenen! Die Torte dürfe doch auf keinen Fall gegessen werden, sie könnte doch vergiftet sein. Ich möge mir doch nur einmal vorstellen, was es bedeute, wenn das gesamte Personal meiner Abteilung, ich eingeschlossen, wegen Krankheit ausfiele oder wegen Todes ersetzt werden müsse.

    Auf meinen Einwand, dass wir die Torte ja auch den Kalfaktoren geben könnten, erwiderte er, dass es mindestens genau so schlimm sei, keine Hilfskräfte mehr zu haben. Dann müssten Pfleger und Schwestern ja alle Arbeiten allein verrichten.

    Ich wurde langsam wütend und sagte: “Dann geben Sie die Torte doch den Hunden in der Laufzone”. Der Direktor erregte sich ebenfalls: “Das wäre ja noch furchtbarer. Wissen Sie, was so ein Tier kostet und wie viel Zeit es braucht, um es abzurichten?”

    Daraufhin habe ich meinen Dienstvertrag nicht verlängert.

    Die Torte wurde in einem chemischen Labor auf Gifte untersucht und, da sie kein Gift enthielt, von den dortigen Mitarbeitern verzehrt, was ich neidvoll zur Kenntnis nehmen musste.

     

    Copyright Dr. Jürgen Rogge

    Der Text wurde vorgetragen bei der BDSÄ-Jahrestagung 2015 in Bremen in der Lesung mit dem Titel „Fehler“

     

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    Schuld war der Hexenmeister Kaschmitutur.

    Meine Frau und ich, wir sind seit Jahren glücklich verheiratet, machten einen Spaziergang in der nahe gelegenen Heide. Wir wollten den Wiedehopf beobachten, der bei uns wieder heimisch geworden sein soll.

    Als wir uns auf die Suche begeben wollten, rief es aus einer nahen Tanne: „Oh, ihr Schönen, ihr sucht gewiss nach mir.“

    Es war der Wiedehopf, der da sprach und aus der Tanne hervor sah. Ich fragte erstaunt: „Wie kommt es, dass du sprechen kannst?“

    Und während ich auf die Antwort wartete, wurde aus dem bunten Vogel, bekannt als Sinnbild für Dämonen und Teufel, in der Antike auch für Wiedergeburt und Auferstehung, ein schwarz gekleideter Geselle mit grauem Vollbart und finsterem Blick.

    Er packte meine Frau am Arm und sagte barsch: „Folge mir. Ich bin so allein.“

    „Ich bin vergeben!“, erwiderte meine Frau.

    Und er: „Dein Mann ist noch jung genug. Er findet ohne Mühe eine andere.“

    „Nein“, sagte meine Frau entschieden.

    Da rief er: „Dann muss ich dich in einen Frosch verwandeln!“

    Und das tat er.

    Ich bat und bettelte, er möge die Verwandlung rückgängig machen. Als mir die Tränen kamen, willigte er ein: „Aber nur, wenn du mir den Stein der Weisen bringst. Ihn besaß einst der mächtige Maharadscha von Agra.“

    „Agra? Wo ist denn das?“

    „Dummkopf. In Indien natürlich!“

    „Und warum gerade den Stein der Weisen?“

    „Noch einmal Dummkopf! Weil man ihn zur Herstellung von Gold benötigt. Und weil er ewiges Leben verleiht.“

    Diese Worte krächzte er, denn er hatte sich wieder in einen Wiedehopf verwandelt und flatterte davon, einen unangenehmen Geruch hinterlassend. Da brachte ich den Frosch vorsichtig zu unserem Gartenteich. Ich sagte zu ihm:

    „Sei nicht traurig. Ich fahre jetzt nach Indien und komme mit dem Edelstein zurück. Und dann sind wir wieder als Mann und Frau zusammen.“

    Ich schiffte mich in Hamburg am Auswanderer-Kai ein, nahm die Route um das Kap der Guten Hoffnung, durchquerte den Indischen Ozean, vorbei an Madagaskar, und ging in Kalkutta von Bord.

    Von dort flog ich nach Delhi, besichtigte die Stadt.

    Im Hotel begrüßte mich ein Musiker. Er spielte auf einer besonderen Art von Laute. Mir zu Ehren spielte er die deutsche Nationalhymne. Das war mir unangenehm wegen unserer deutschen Vergangenheit. Deutschland über alles in der Welt! Aber dann merkte ich, dass er einen anderen Text zu der Melodie von Haydn sang, nämlich den von J. R. Becher.

    Ich sah den reichsten Reichtum und die ärmste Armut. Im Gespräch mit einem Reiseführer fragte ich nach der Unzufriedenheit der Armen, die auf der Straße leben und, wenn sie nicht ganz arm sind, unter einer Plasteplane schlafen. Der Reiseführer sagte mir: „Wer die Freiheit nicht kennt, vermisst sie auch nicht.“

    Ja, dachte ich, so hoffen die Unterdrücker. Denn es geht auch anders: Wer die Freiheit nicht kennt, sehnt sich nach ihr. Und er kämpft, bis er sie hat. Das fürchten die Unterdrücker.

    Abends im Hotel erlebte ich eine Hochzeit …

    Ich fuhr mit der Eisenbahn, dem Bus, einer Fahrrad-Rikscha, auf dem Ochsenkarren, in einem Boot. Und ich ritt auf einem Elefanten.

    Ich sah die schönsten Moscheen, Tempel und Kirchen. Und natürlich das schönste Grabmal der Welt: Taj Mahal.

    Die Toleranz der Religionen untereinander beeindruckte mich.

    Ich lernte den primären Buddhismus kennen.

    Auf einer Safari morgens um sechs Uhr sahen wir einen Tiger. Man munkelte zwar, hier seien die Tiger schon seit 10 Jahren ausgestorben, was man den Touristen natürlich nicht erzählte. Aber ich habe ihn deutlich gesehen, voller Kraft und Wildheit, mit der Würde einer Königin, die sich auch im Dunkeln problemlos zurechtfindet.

    Ich musste mich durch eine Masse von Bettlern kämpfen, als ich auf dem Weg zum Leichenverbrennungsplatz war.

    Die Asche kommt in den Ganges.

    Heilige Rinder, heiliger Fluss, schöne Menschen.

    Ich dachte über Anfang und Ende nach. Die Urne ist beides. Den Uterus kann man auch als solche ansehen.

    Am Ende ist man wieder in der Urne. Der Kreis schließt sich.

    Sexuell stimulierende Darstellungen in Stein. Sodomie.

    Darstellung hüftschwingender Frauen. Ich kaufte auf dem Markt für meine Frau mehrere Seidenschals, Schmuck, Kleidung und eine Vase aus Bronze. Am Schmuckstand war der Stein des Maharadschas von Agra in verschiedenen Ausfertigungen zuhaben, garantiert antik, wie der Verkäufer sagte. Ich nahm den größten. Dann hatte ich keine Rupien mehr.

    Jetzt roch ich den Duft von Jasmin, hörte Vogelgezwitscher und einen Gong. Ja, gibt es denn das? Ich war auf einem Teppich unterwegs, zum Himmel aufgestiegen. Schon sah ich die Heide. Rasch legte ich den Stein an der alten Tanne nieder. Und ich fügte ein Amulett mit dem Abbild des Wiedehopfs hinzu. Sicher ist sicher. So ein Amulett schützt davor, in der Nacht die Geheimnisse des Tages preiszugeben. Für mich hatte ich auf dem Basar auch eins gekauft. Dann wurde ich wach.

    Meine Frau, keine Spur von einem Frosch, rief mich zum Frühstück. Sie hatte den Tisch auf der Terrasse gedeckt, denjenigen aus Marmor mit Einlegearbeiten. Wir hatten ihn vor Jahren aus Mumbai kommen lassen.

    Die Sonne lachte vom Himmel. Sie strahlte den kleinen geschnitzten Elefanten an, der weiß leuchtete.

    Die Goldfische tummelten sich im Teich zwischen den Seerosen und ließen sich auch nicht von den Fröschen stören.

    Der Goldfelberich strahlte in seinem schönsten Gelb.

    Die Schwalben zwitscherten und das Rotschwänzchen warnte aufgeregt vor unserem getigerten Kater.

    Meine Frau hatte einen Sari angelegt und einen Seidenschal um den Hals geschlungen. Der kleine Leberfleck in der Mitte ihrer Stirn hatte ein besonderes Leuchten, ebenso wie das leicht grünstichige Karamellbraun ihrer Augen. Und sie fragte mit ihrer weichen Stimme: „Mein Liebster, hattest du einen schönen Traum?“

     

    Copyright Dr. Jürgen Rogge

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    „Liebe Kinder“, sprach der Feuervogel zu seinen Enkeln. „Heute erzähle ich euch die Geschichte von der Entstehung der Diamanten.“

    Die Kinder betrachteten aufmerksam das goldene Federkleid der Großmutter, die Phönix gerufen wurde. Großmutter erzählte in jedem Jahr am Abend vor dem Aschermittwoch, dem Tag des Neubeginns des Jahres, an dem ausgelassen gefeiert wurde, eine Geschichte.

    Im letzten Jahr hatte sie von ihrem Bauch erzählt, der, so sagte sie jedenfalls, Zuverlässigkeit und Aufrichtigkeit widerspiegeln soll. Das konnten sich die Kinder gar nicht so richtig vorstellen. Aber es konnte schon sein, denn Großmutter ernährte sich ausschließlich von Tautropfen.

    Im Jahr davor wurde die Bedeutung der Flügel erklärt. Sie stehen in Verbindung zum Wind und vertreiben dunkle Gedanken.

    Und noch ein Jahr früher erfuhren die Kinder von den Füßen, die die Verbindung zur Erde herstellen, und sie erfuhren vom Kopf als Sitz der Tugenden.

    Die Enkel wussten inzwischen, dass ihre Oma in der ihr eigenen Sanftmut und Friedfertigkeit die Gesamtheit der Gegensätze vereinigte und für Harmonie, Frieden und Weisheit einstand, weshalb ihre Gestalt in den alten Zeiten auch das Symbol für die gütige und gerechte Herrschaft der Könige war.

    Die Kinder konnten auch die fünf verschiedenen Farben von Großmutters Federn deuten, die den Elementen zugeordnet waren: Wasser, Erde, Feuer, Luft und Äther. Letzteren, die Seele der Welt, symbolisiert durch die Mondsichel, über der sich eine Krone befindet, atmeten nur die Götter.

    Am beeindruckendsten aber war für die Kleinen, dass Omas Tränen jede Wunde in kürzester Zeit zur Heilung brachten.

    Großmutter fuhr in ihrer Rede fort: „Ihr habt euch bestimmt schon gewundert, dass ich trotzmeines Alters von Zeit zu Zeit jünger als zuvor bei euch erscheine. Das liegt daran, dass ich alle 57 Jahre einen Scheiterhaufen aus wohl riechenden Kräutern errichte, in welchem ich mich dann verbrenne. Bin ich vollständig verbrannt, also gereinigt und geläutert, steige ich aus der Asche verjüngt hervor. Als einmal in einem anderen Land viele große Feuer brannten und meterhoch Asche auftürmten, legten sich die Berge auf die Glut, um sie zu ersticken. Später, als die Natur nachgewachsen war und dort wieder Tiere und Menschen lebten, fand man statt der Asche die edelsten der Edelsteine: Diamanten. Sie sind das Licht der Sonne und der Sterne, unvergänglich, unbezwingbar, vollkommen vollkommen. Sie stehen für die seelische Ganzheit und für absolute Reinheit. Mit ihnen sind Krankheiten zu heilen und Gifte zu neutralisieren. Es gelingt sogar, mit ihrer Hilfe wilde Tiere und Hexen zu vertreiben. Gelegentlich kann ein Diamant seinen Träger unsichtbar machen, was mir allerdings noch nicht gelungen ist.

    Ihr seht also, liebe Kinder, jeder, der verbrennt, wird zu Asche. Ab nicht jeder, der verbrennt, bleibt Asche. Mancher, wie ich, kehrt verjüngt zurück. Und andere werden zu Diamanten.“

     

    Copyright Dr. Jürgen Rogge

     

     

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    Unsere Seniorengruppe „Hirnjogging“ lässt ihre Mitglieder auch immer mal von Ausflügen oder Urlauben berichten, die sie gemacht haben.

    Wir treffen uns an jedem Donnertag. Die Leitung hat Frau Ziegenbein übernommen, die, wie ich finde, auch noch so aussieht wie sie heißt.

    Heute berichtete Frau Ziegenbein selbst von einem Ausflug am 1. Advent zum Weihnachtsmarkt nach Annaberg-Buchholz. Das liegt gleich hinter Chemnitz im Erzgebirge, wo vor ein paar hundert Jahren Silber gefördert wurde.

    Frau Ziegenbein besuchte auch die Kirche Sankt Annen und war von den dortigen Reliefs „Lebensalter“ ganz begeistert.

    Auf der einen Seite in der Kirche sind zehn Frauen abgebildet, die erste zehn  Jahre alt, die letzte 100 Jahre alt. Die Veränderung wurde alle zehn Jahre festgehalten. Und zu jedem Bild und Alter wurde noch ein Tier abgebildet.

    Auf der anderen Seite in der Kirche ist das ebenso mit den Männern gemacht.

    „Was meinen Sie denn: Welches Tier würden Sie aussuchen für einen Mann von sechzig Jahren?“

    Die Männer der Gruppe empörten sich. Zuerst sollten die Frauenbilder besprochen werden.

    Frau Ziegenbein und die Frauen hatten nichts dagegen.

    „Mit Sechzig“, sagte Richard Beerenbeißer zögerlich, „ja, eine Taube ist, glaube ich, nicht richtig. Die Zeit ist wohl vorbei.“

    „Na“, sagte Wilhelm Dörsingmann, „da kommt es mit einer Glucke schon eher hin.“

    „Oder mit einer Eule“, grinste Friedrich Schlaftrinker.

    „Dann kannst du auch gleich eine Fledermaus nehmen“, meinte Paul Trostbeutel.

    „Vielleicht ist eine Elster das Richtige“, vermutete Heinz Tiefschneider, „von wegen Schmuck und so.“

    Emil Heißbaum dachte an Singvögel: „Ich bin für eine Krähe oder Amsel.“

    Doktor Pötter hatte lange überlegt: „Eine Gans könnte zutreffen.“

    Die Frauen waren mit den ganzen Vögeln nicht so richtig einverstanden.

    Doktor Pötter wiederholte: „Das kann nur eine Gans sein. Mit den Nachtigallen ist es doch wohl schon lange vorbei.“

    Frau Ziegenbein: „Und warum gerade eine Gans?“

    „Naja,“ meinte Doktor Pötter, „eine Gans ist doch ein schönes Tier. Sie ist niedlicher als Gössel und gibt einen guten Braten zu Weihnachten ab. Sie schnattert gerne mit anderen Gänsen, ist aber auch bissig, kennt die Gefahren und schlägt Alarm. Die ältere Frau wärmt mit ihrer Erfahrung die Kinder und Kindeskinder wie die Gans mit ihren Federn, die uns jede Nacht zudecken.“

    „Ja, das klingt gut“, sagte Paul. „Als Braten, hat meine Großmutter gesagt, ist die Gans ein närrischer Vogel: Für eine Person ist das zuviel, für zwei zu wenig.“

    „Mit den Federn und dem Bett hast du recht“, überlegte Emil. Vor den Gänsen muss man den Hut ziehen. Sie haben schon mehr Menschen kuriert als alle Doktoren zusammen.“

    „Und sie haben Plattfüße wie die Menschen“, machte sich Heinz bemerkbar.

    „Sehr schöne Gedanken“, lobte Frau Ziegenbein. „Eine Gans ist auch richtig. Na, wer sollte das wohl nicht heraus bekommen, wenn nicht unser Nervendoktor Pötter.“

    „Was fällt Ihnen denn sonst noch ein, wenn sie Gänse und Menschen in Verbindung bringen?“

    Nun riefen alle durcheinander.

    „Wenn einer auf der Geige übt, heißt es: Die Wildgänse schreien.“

    „Besser als gar nichts, sagte der Fuchs, und lag am Gänsestall.“

    „Gänsewein ist der beste Wein.“

    „Zwei Weiber und eine Gans machen zusammen schon einen Jahrmarkt aus.“

    „Das ist eine schlechte Gans, die nicht zum Ganter geht.“

    „Nun ist es genug“, sagte Frau Ziegenbein. „Oder hat noch einer einen ganz wichtigen Beitrag? Ja, Sie Herr Dörsingmann?“

    „Ich habe noch ein Rätsel für Kinder: Auf welcher Seite hat die Gans die meisten Federn? Antwort: Auf der Außenseite.“

    „Hm“, machte Frau Ziegenbein. Wir kommen nun zu den Männern mit sechzig. Welches Tier passt wohl dazu?“

    „Ja“, fing Erna Leisefeder an, da fällt mir ein Esel ein.“

    „Es kann auch ein Ochse sein“, meinte Gertrud Weinschäfer.

    „Oder ein Bock“, überlegte Marie Steinschlaf. „Aber mit sechzig? Das ist wohl schon zu alt, jedenfalls für einen guten Bock.“

    Emma Sauerfeldt konnte sich mit einem Fuchs anfreunden. Der ist klug, vorsichtig, aber auch hinterlistig und verschlagen. Er kann seine Kräfte richtig einteilen. „Also ein Fuchs.“

    Ida Wurzelnass war abwägend. „Ein Fuchs ist nicht schlecht. Aber noch mit sechzig? Ich glaube, ein Wolf passt besser. In diesem Alter hat er es zu etwas gebracht. Und das verteidigt er mit Mut, Kraft und Klugheit. Er ist auch zu Geld gekommen, wenn die Inflation ihm das nicht wieder nimmt. Es stellt sich natürlich auch die Frage, ob er abgeben kann von dem, was er besitzt. Er ist nicht mehr so bissig wie vor zwanzig Jahren, aber noch nicht so angepasst wie ein Hund.“

    Frau Ziegenbein: „Ja, Wolf ist richtig. Was fällt Ihnen dazu noch so ein?“

    „Wenn Neumond ist, hat der Wolf den Mond aufgefressen.“

    „Wo der Wolf liegt, dort beißt er nicht.“

    „Auch, wenn du die Schafe gezählt hast, beißt der Wolf sie trotzdem.“

    „Wer sich zum Schaf macht, den frisst der Wolf.“

    „Die alten Propheten sind tot. Und die neuen frisst der Wolf.“

    „Beim Ringwechsel soll der Mann still zu sich sagen: Ich der Wolf, du das Schaf. Dann führt er das Regiment.“

    „Wenn man sich einen Wolf gelaufen hat, soll man sich an der Stelle einen Salzhering durchziehen.“

    Das war nun der Punkt, wo Frau Ziegenbein sich wieder einklinkte.

    „Da haben wir doch allerhand Gedanken zusammen bekommen. Und das waren erst die Tiere für die Sechzigjährigen. Wir könnten uns also, wenn wir wollten und die Zeit dazu hätten, glatt zehn Stunden mit dem Thema befassen.“

    Ida fragte: „Welches Tier ist denn da in der Kirche für die Siebzigjährigen vorgesehen?“

    „Ja, meine Damen“, sagte Frau Ziegenbein und holte tief Luft, „das ist für die Frauen ein Geier.“

    Die Männer riefen im Chor: „Und für uns?“

    „Für Sie ist das ein Hund.“

    „Und für achtzig?

    „Eule und Katze“.

    „Und für neunzig?“

    „Fledermaus und Esel.“

    „Und für hundert?“

    „Da gibt es keinen Unterschied mehr: Sensenmann für Frau und Mann. Bei hundert sind wir am Ende angelangt.“

    Doktor Pötter murmelte: „Oder am Anfang.“

     

  •  

    1.

    Wohin man sich auch wendet, man trifft immer wieder auf Lehrer. Es gibt kein Entrinnen.

    Meine ersten Lehrer waren Frau Barth und Herr Möller in einem kleinen Dorf nahe einer kleinen Kreisstadt. Wir schrieben das Jahr 1947. Sie unterrichteten die erste und zweite Klasse in einem Raum, insgesamt wohl etwa 60 Schüler. Wenn sie der ersten Klasse etwas beibrachten, beschäftigten sie die zweite Klasse zum Beispiel mit Schreiben. Und umgekehrt. Die guten Schüler der ersten Klasse beherrschten dann am Ende des Schuljahres auch den Lehrstoff der zweiten Klasse. Und die guten Schüler der zweiten Klasse langweilten sich, weil sie ja schon alles wussten.

    Frau Barth war alleinstehend. War ihr Mann im Krieg geblieben? Ab und zu kaufte sie bei meiner Großmutter Eier. Solche Beziehungen, sagte meine Mutter, würden mir nur nutzen können.

    Herr Möller hatte im Krieg ein Bein verloren. Nun hatte er ein Holzbein als Ersatz, womit er humpelte. Er hat uns das Holzbein nie gezeigt. Dabei waren wir doch neugierig, wie so etwas funktioniert.

     

    2.

    Frau Barth war eine kluge Frau. Als sie einmal zum Eierholen kam, fragte sie mich, ob ich denn wüsste, was mein Name, Rogge, eigentlich bedeutet. Na ich konnte es mir denken:

    „Das kommt von Roggen, dem Korn, das bei uns wächst”.

    „Ja”, erklärte sie mir, “da hast du recht. Weißt du denn auch, dass man die ersten Roggenehren, die man im Sommer sieht, durch den Mund ziehen soll? Das hilft gegen Fieber.”

    Ich wusste das nicht, aber ich fragte: “Haben Sie schon einmal den Roggenfuchs und den Roggenwolf gesehen?”

    Frau Barth verneinte.

    “Der Roggenfuchs sitzt in der letzten Garbe und der Roggenwolf ist das Tier, das man in den Wellen des wogenden Korns sehen kann.”

    “Woher weißt du das denn”.

    “Von meiner Oma. Sie hat es mir bei der letzten Roggenernte erzählt”.

    “Ein kluger Junge”, sagte Frau Barth zu meiner Mutter.

    “Ja”, antwortete diese.

    Und ich musste an den ersten Schultag denken, als meine Mutter gesagt hatte: “Wie komme ich nur zu diesem Kind!”

    Wir sollten auf der Schiefertafel Kreise zeichnen, was mir nicht so gelang, wie ich einen Kreis kannte, nämlich rund.

     

    3.

    In späteren Jahren habe ich nachgelesen, dass man Hexen dann erkennen kann, wenn man drei heile Roggenkörner in einem Brot findet. Das ist mir nie gelungen.

    Und dass man eine Warze mit drei Roggenähren bestreichen soll, habe ich auch nicht gewusst. Diese hängt man dann in den Schornstein. Dann würde die Warze weggehen. Dieses Verfahren praktizierte ich mit Erfolg.

    Und meine Oma legte drei Roggenähren unter das Butterfass. Das half gegen Verhexung.

    Unsere Butter schmeckte immer besonders gut.

    Und meine Tante Marie erzählte, dass eine junge Frau eine doppelte Roggenehre nicht pflücken soll, sonst bekommt sie Zwillinge. Das habe ich Brigitte erzählt, meiner Freundin in der ersten und zweiten Klasse.

    Sie wollte aufpassen.

     

    4.

    Nachdem Frau Barth mir klar gemacht hatte, dass alle Namen eine Bedeutung haben, fragte ich sie, was denn ihr Name, also Barth, bedeutete. Hatte das was mit dem Bart der Männer zu tun?

    “Ja”, berichtete sie. “Der Bart der Männer gehört zu ihnen wie der Schwanz zum Hund. Er ist in seinen verschiedenen Formen Schmuck, Nistplatz, Speisekammer und Tarnung. Manche Männer bringen sich hinter ihm in Deckung. Ein langer Kinnbart ist ein Zeichen von Alter und Lebenserfahrung. So heißt es denn auch: Der muss etwas wissen; dessen Bart ist durch einen steinernen Tisch gewachsen. Und von sinnlos Betrunkenen sagt man: Der kann nicht mehr über den Bart spucken. Wenn man jemandem schmeichelt, geht man ihm um den Bart.”

    “Aber warum haben Frauen keinen Bart?”

    “Weil sie den Mund nicht so lange still halten können, wie das Beschneiden des Bartes dauert. Ein Mann, der ein Mädchen zum Kuss auffordert, kann schon mal sagen: Mädchen, komm und jag mir die Flöhe aus dem Bart. Und wenn ein Mann bartlos ist, heißt es: Der hat einen Bart wie ein nacktes Gössel.”

    Ich dachte an Brigitte und fragte: “Kratzt oder sticht denn so ein Bart nicht, wenn man sich einen Kuss gibt?”

    Frau Bart lachte: “Wenn der Kuss nicht schmeckt nach Priem und Bart, hat die ganze Küsserei keine Art.”

    Ich fragte weiter: “Kann man am Bart denn sehen, ob jemand klug oder dumm ist?”

    Frau Bart: “Auch den Dummen wächst der Bart. Sonst würde man sie gleich erkennen.”

    “Eine Frage habe ich noch”, sagte ich. “Es gibt doch aber Männer, die keinen Bart haben, wie kommt denn das?

    Die Antwort von Frau Bart war: “Wenn ein Junge mit dem selben Taufwasser getauft wurde, wie vor ihm ein Mädchen, bekommt er keinen Bart.”

    Das habe ich Brigitte weiter gesagt.

     

    5.

    “ Wenn alle Namen eine Bedeutung haben”, sagte ich, “dann bedeutet der Name von unserem Lehrer Möller, dass es sich um einen Müller handelt.

    “Ja”, antwortete Frau Barth, “das besprechen wir beim nächsten Mal, ich muss noch den Unterricht vorbereiten”. Komisch, erst erzählt sie lang und breit, und dann hat sie plötzlich keine Zeit.

    Ich wollte aber doch mehr wissen zum Namen von Herrn Möller.

    So fragte ich erst meine Mutter und dann meine Oma, aber die hatten auch keine Zeit. Also ging ich zu meiner Tante Marie, sie wohnte gegenüber von der Schule.

    “Tja”, sagte sie, “die Müller gelten, natürlich nicht alle und nicht der aus unserem Dorf, als unehrlich. Sie werden Mehldiebe genannt.”

    “Aber warum?”

    Da gibt es verschiedene Ansichten. Es heißt zum Beispiel, dass der Müller von der Katze die Milch aufgesogen hat. Dadurch hat er das Mausen gelernt.”

    Und plötzlich lachte Tante Marie. “Weißt du, warum der Storch nicht auf der Mühle baut? Weil er Angst hat, dass der Müller ihm die Eier stiehlt.”

    “Da hat Herr Möller aber keinen schönen Namen”, erklärte ich.

    “Es kommt nicht auf den Namen an”, sagte Tante Marie, “sondern auf den Menschen, der ihn trägt. Ich meine, ob er ein guter oder ein böser Mensch ist. Dein Lehrer hat ein gutes Herz. Er hat im Krieg ein Bein verloren und beklagt sich nicht. Er zeigt euch, dass man trotz Schwachstellen Gutes vollbringen kann.

    Und: Lehrer sind auch nur Menschen”.