Tag: Kelten und Germanen

  • 25.08.2021

        Belegstellen aus dem Gallischen Krieg (Caes. Gall.) sind im Text durch in Klammern gesetzte römische und arabische Ziffern gekennzeichnet. Auf die einschlägigen Passagen aus der Germania des P. Cornelius Tacitus (Tac. Germ.) wird mit Fußnoten hingewiesen. Wörtliche Zitate aus den Übersetzungen ins Deutsche stehen in Kursivschrift. Die Verfasserin hat versucht, sich möglichst eng an die lateinischen Quellen zu halten.

        Gallien in seiner Gesamtheit gliedert sich in drei Teile; davon bewohnen einen  die Belger, einen anderen die Aquitaner, den dritten diejenigen, die in ihrer eigenen Sprache Kelten, in unserer Gallier genannt werden (I 1,1[1]). Sie unterscheiden sich in Sprache und Gebräuchen sowie in den staatlichen Einrichtungen. Zu jener Zeit nimmt Aquitanien nach Ausdehnung und Einwohnerzahl … ein Drittel ganz Galliens ein (III 20, 1). Die beiden Landesteile werden von der Garonne/Garunna  getrennt.

        Am tapfersten sind die Belger. Sie wohnen nämlich am weitesten entfernt von der Kultur und Zivilisation der römischen Provinz, sind nicht durch eingeführte Luxusgegenstände verweichlicht und üben sich in ständiger Fehde mit ihren unmittelbaren Nachbarn, den rechtsrheinischen Germanen (I 1, 2.3). Ähnlich verhält es sich mit den keltischen Helvetiern, deren kleines Land, eingeengt zwischen dem breiten und tiefen Rhein/Rhenus, dem hoch ansteigenden Jura und der Rhone[2] (Rhodanus) sowie dem Genfer See/Lacus Lemannus sich fast täglich gegen die germanischen Nachbarn wehren muss (I 1, 4 und I 2, 3). Beim Eintreffen Caesars – er spricht von sich stets in der dritten Person – führten Haeduer und Sequaner die gallischen Stämme an (VI 12, 1.2). Durch ihr Gebiet fließt die Saône/Arar und zwar mit einer so geringen Strömung, dass man ihre Fließrichtung nicht wahrnimmt (I 12, 1[3]).

        Geltung und Ansehen genießen in Gallien nur Druiden und Ritter; alle übrigen Bevölkerungsteile sind rechtlos (VI 13). Die Druiden versehen den Götterdienst, sorgen für die Opfer und legen die religiösen Satzungen aus. Als härteste Strafe gilt der Ausschluss vom Gottesdienst. Verlockt durch die großen Vorrechte der Druiden gehen viele junge Männer freiwillig bei ihnen in die Lehre. Es heißt, dass sie dort Verse in großer Zahl auswendig lernen, denn es gilt bei ihnen als Sünde, etwas schriftlich niederzulegen. Sie wollen nicht, dass ihre Lehre unter der Menge verbreitet werde noch dass die Schüler sich auf das Geschriebene verlassen und das Gedächtnis zu wenig üben. Vor allem wollen sie davon überzeugen, dass die Seelen nicht vergehen, sondern nach dem Tode von einem zum anderen wandern. In Staats- und Privatangelegenheiten benützen sie die griechische Schrift (VI 14).

        Ritter haben keine andere Aufgabe als Kriege zu führen. Ihre Bedeutung wächst mit der Zahl der Gefolgsleute (VI 15).

        Die Gallier sind sehr religiös. Gewöhnlich opfern sie ihren Göttern Tiere, bei schwerer Krankheit, Kampf und Gefahr aber auch Menschen. Wenn die Zahl der Verbrecher dazu nicht ausreicht, müssen auch Unschuldige herhalten (VI 16). Die Leichenbegängnisse sind aufwendig und prächtig. Was dem Verstorbenen im Leben teuer war, wird im Feuer mit verbrannt, kurz vor unserer Zeit sogar Sklaven und Hörige (VI 19, 4). Von den Göttern verehren sie besonders Merkur (keltisch Teutates). Dann folgen Apollo (Belenos), Mars (Esus), Jupiter (Taranis) und Minerva, deren keltischer Name nicht genannt wird. Ähnlich wie bei anderen Völkern gilt Apollo als heilkundig, Minerva kümmert sich um Handwerk und Künste, Mars ist Kriegsgott und Jupiter  herrscht über die anderen Götter (VI 17). Auf den Vater Dis (lat. Pluto, Gott der Unterwelt) führen die Gallier ihre Abstammung zurück (VI 18).

        Sie leben in Städten, Dörfern und Einzelgehöften (I 5, 2). Als ein von Natur aus hervorragend geeigneter Wohnsitz gilt ihnen eine Stadt mit steilen abschüssigen Felsabhängen ringsum, sowie mit einem sanft ansteigenden Zugang, den eine sehr hohe doppelte Mauer mit gewaltigen Steinen und Palisaden schützt (II 29, 3). Zum Haushalt steuern Mann und Frau gleich viel bei, aber der Mann hat Gewalt über Leben und Tod der Frauen, Kinder und Sklaven. Zutritt zum Vater erhalten in der Öffentlichkeit nur die erwachsenen Söhne (VI 19, 1-3).

        Von Charakter sind die Gallier neugierig und unbeständig, in ihren Beschlüssen wankelmütig und auf Umsturz bedacht (II 1, 3; IV 5, 1. 2 und 13, 2.). Ihrer Neugierde tragen die Behörden Rechnung, indem sie Gerüchte, die den Staat betreffen, nur der Obrigkeit melden oder in der Volksversammlung berichten lassen und niemandem sonst (VI 20, 2).

        Ganz anders ist die Lebensweise der Germanen (I 31, 11). Sie haben keine Druiden und halten auch nicht viel von Opferhandlungen. Als Götter gelten ihnen Sonne, Mond und Feuer, deren Eingreifen sie sichtbar wahrnehmen und augenscheinlich erfahren (VI 21, 2). Tacitus schildert ihren Glauben differenzierter. Wieder sei es Merkur, den sie am meisten verehren und dem sie an bestimmten Tagen auch Menschenopfer darbringen zu müssen glauben. Dann folgen Herkules und Mars. Ein Teil der Sueben opfert auch der Isis, deren heiliges Zeichen, eine Barke, auf die Einführung ihres Kultes auf dem Seewege hinweise. Im Übrigen glauben die Germanen, dass es mit der Hoheit der Himmlischen unvereinbar sei, sie mit menschlichen Zügen auszustatten; sie weihen Lichtungen und Haine [4].

        Bei den Sueben, dem bei Weitem größten und kriegerischsten Stamm, stehen die erwachsenen Männer ständig unter Waffen. Agri culturae non student. Nur ein Jahr lang bleiben sie an einem Ort, dann ziehen sie weiter. Während Caesar den Germanen eine Art Agrarkommunismus zuschreibe (VI 22, 1-3) berichtet Tacitus rund 150 Jahre später von einer Aufteilung des ackerbaufähigen Landes nach Rang und Würde[5]. Ungebundenes Leben, Abhärtung, tägliche körperliche Übung und Keuschheit wenigstens bis zum 20. Lebensjahr lassen ungeheuer große Menschen heranwachsen (IV 1, 9. VI 21, 4), deren Miene und stechenden Blick die Gallier kaum ertragen könnten (I 39, 1). Im kältesten Klima tragen die Germanen ausschließlich Felle, die einen großen Teil des Körpers unbedeckt lassen, und sie baden in den Flüssen. Ihre kleinen unansehnlichen Pferde reiten sie ohne Sattel.

        Bei der Ernährung spielt Brot keine große Rolle. Sie leben von Milch, Kleinvieh und Jagdbeute. Wein lassen sie nicht einführen, da dieser die Widerstandskraft breche und die Männer so schwächlich wie Frauen mache (IV 1. 2). Wieder äußert sich Tacitus abweichend: Als Getränk dient ihnen eine Flüssigkeit aus vergorenem Getreide; die Anwohner des Rhein- und Donauufers kaufen sich auch richtigen Wein…Wenn man ihnen so viel zu trinken gäbe wie sie wollen, wird man sie ebenso leicht durch ihre eigenen Laster wie durch Waffengewalt bezwingen können[6].

        In Friedenszeiten gibt es keine zentrale Führung, nur im Krieg werden militärische Oberbefehlshaber gewählt (VI 23, 5-8). Auch herrsche der Brauch, dass die Frauen (matres familiae) den Ausgang einer Schlacht vorhersagen. Vor dem Neumond zu kämpfen sei zu vermeiden, denn dann stehen die Zeichen schlecht (I 50, 4 f.[7]). Mit breiten Flächen unbebauten Landes versuchen die Germanen ihre Grenzen zu sichern (IV 3, 1-3). Daher liegt, wie es heißt, auf der einen Seite des Suebenlandes das Land ungefähr 600 Meilen breit brach. An der andern Seite schließen sich die Ubier an… Sie sind etwas zivilisierter als [die anderen Stämme], weil sie am Rhein wohnen … und sie sich wegen der Nachbarschaft an gallische Sitten gewöhnt haben…Die fruchtbarsten Gegenden Germaniens [liegen] um das Herzynische Waldgebirge, das sich vom Gebiet der Helvetier, Nemeter und Rauraker parallel mit dem Donaulauf bis zum Gebiet der Daker, also etwa bis an die Theiss, erstreckt (VI 25, 3). Die Schilderung der phantastischen Tierwelt, Arten, die man anderswo nicht sieht, traut man einem so nüchternen Staatsmann und Heerführer wie Caesar nicht zu. Insbesondere der Absatz über die Elche, die keine Knöchel und Gelenke haben und im Stehen an Bäume gelehnt schlafen, sodass sie durch Ansägen dieser Bäume leicht gefangen werden können, wird  zumeist für Interpolation und Kolportage gehalten (VI 27, Anm. 256-258 und S. 521: Caesars Glaubwürdigkeit).

        Ein anderes unermesslich großes Waldgebirge, der Bacenische Wald, umfasst das Hessische Bergland, den Harz, den Thüringer Wald und das Erzgebirge (VI 10, 5 Anm. 235). Der Rhein, Schicksalsstrom schon zur Zeit Caesars, entspringt im Gebiet der Lepontier, eines Alpenstammes, und fließt reißend in einer langen Strecke durch das Land der Nemeter, Helvetier, Sequaner… und Treverer, teilt sich in Meeresnähe in mehrere Arme, bildet zahlreiche große Inseln, von denen ein großer Teil von wilden Völkern bewohnt wird, darunter einigen, die von Fischen und Vogeleiern leben sollen, und fließt in vielen Armen in den Ozean (IV 10, 2-5).

        Für Caesar ist die Rheingrenze eine ständige – wie man heute bis zum Überdruss zu sagen liebt –  Herausforderung. Germani qui trans Rhenum incolunt (I 1, 3). Während in Gallien die Haeduer und Averner um den Vorrang streiten, sei es dazu gekommen, dass von beiden Stämmen Germanen als Söldner angeworben wurden. Von diesen hätten anfangs nur ungefähr 15 000 den Rhein überschritten. Als aber diese wilden Barbaren am Lande, an der Kultur und Wohlhabenheit der Gallier Geschmack gefunden hätten, seien mehr übergesetzt. Jetzt seien in Gallien schon an die 120 000 Mann. Gegen diese …hätten sie eine schwere Niederlage erlitten…In wenigen Jahren werde es so weit sein, dass sie alle vom gallischen Boden vertrieben würden und alle Germanen den Rhein überschritten. (I 31, 3-6 und10 f.) Es sei nämlich so, dass „die Germanen sich allmählich daran gewöhnten, … in großen Massen nach Gallien zu kommen“. Darin sah auch Caesar eine nicht zu unterschätzende Gefahr für das römische Volk, da die wilden Barbaren, wenn sie erst einmal ganz Gallien besetzt hätten, sich nicht zurückhalten würden … in die Provinz [Provence] einzudringen und von dort nach Italien zu ziehen, zumal nur die Rhône das Land der Sequaner von unserer Provinz trenne (I 33, 3.4).  Nach Beendigung des Germanenkrieges beschloss Caesar … den Rhein zu überschreiten (IV 16, 1). Auf seine Forderung an die Sugambrer, einen germanischen Stamm zwischen Sieg, Lippe und Rhein, ihm die Gegner, die bei ihnen Schutz gesucht hatten, auszuliefern, erhielt er zur Antwort: Der Rhein sei die Grenze der Herrschaft des römischen Volkes…warum fordere er [Caesar] da überhaupt etwas an Macht und Herrschaft rechts des Rheines? (IV 16, 4). So entschließt sich der Feldherr, den Germanen Schrecken einzujagen, an den Sugambrern Rache zu nehmen und die Ubier von ihrer Bedrängnis zu befreien. Letztere hatten ihn darum gebeten, wenigstens ein Heer über den Rhein zu setzen. So ließ er in der Gegend von Köln eine Brücke über den reißenden Strom schlagen (IV 16, 7-8. 17, Anm. 160). Nach einem Aufenthalt von nur wenigen Tagen im Feindesland, wo er nach eigenen Aussagen hemmungslos gewütet hatte, erfuhr er, dass sich die Germanen im Gebiet der Sueben zusammenrotteten und sich zur Entscheidungsschlacht rüsteten. Er marschierte daraufhin nach Gallien zurück und ließ die Brücke wieder abbrechen, bestrebt seinen Misserfolg zu verschleiern (IV 19, Anm. 162). Als er aber ins Land der Treverer gekommen war, beschloss er neuerdings, den Rhein zu überschreiten …und ließ etwas oberhalb der Stelle, an der er schon einmal das Heer hinübergeführt hatte, eine Brücke schlagen (VI 9, 1-4, in der Nähe von Bonn, Anm. 234). Die Treverer, ein keltischer Stamm mit rechtsrheinischen Kontakten und germanischen Wurzeln[8], die sich ebenso wie die Ubier auf das Taktieren verstanden, baten Caesar um Schonung, damit nicht bei dem allgemeinen Hass gegen die Germanen Unschuldige statt Schuldiger büßten (VI 9, 7). Als Caesar nun durch die ubischen Spähtrupps erfuhr, dass die Sueben sich in die Wälder zurückgezogen hatten, beschloss er aus Furcht vor Proviantmangel – die Germanen kümmern sich allesamt, wie erwähnt, sehr wenig um Ackerbau – nicht  weiter vorzurücken (VI 29, 1). Zwar blieb der Brückenbau als solcher erhalten, doch ihren letzten Teil… am ubischen [rechtsrheinischen] Ufer lässt er einreißen (VI 29, 3), den Brückenkopf am linken Rheinufer aber verstärken. Von nun an konzentriert Caesar alle militärischen Kräfte gegen die Gallier in Gallien (VI 29, 4-VIII).

    Quellen:

    1. Julius Caesar, Der Gallische Krieg, Lateinisch-Deutsch, Herausgeber: G. Dorminger. Artemis Verlag, Sammlung Tusculum (München – Zürich 81986)

    2. Tacitus, Germania. Lateinisch- Deutsch (Leipzig, Lizenz Wiesbaden o. J.)

    Dem Aufsatz liegt ein Referat im Mittel-Seminar Alte Geschichte 1989, “Caesar als Historiker”, Prof. Dr. Helga Gesche, JLU Gießen, zu Grunde.


    [1] Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, alteram Aquitani, tertiam qui ipsorum lingua Keltae nostra Galli apellantur.

    [2] Eigentlich: der Rhone, frz. le Rhône.

    [3] Flumen est Arar, quod per fines Haeduorum et Sequanorum in Rhodanum influit incredibili lenitate, ita ut oculis, in utram partem fluat, iudicari non possit.

    [4] Tac, Germania 9.

    [5] Tac, Germania 26.

    [6] Tac. Germ. 23.

    [7] Tac. Germ. 8. 10.

    [8] Tac. Germ. 28.