Schlagwort: Romanauszug

  • Für Lena bildet Vinay von Anfang an das eigentliche Zentrum dieser losen Community und wird automatisch zu ihrem wichtigsten Ansprechpartner. Anfänglich beeindruckt er sie mit der Ausstrahlung eines tief gläubigen, einfachen Mannes, der gleichzeitig einen kritischen Geist besitzt. Lena hält sich selbst für eine religiöse Skeptikerin mit allergischer Tendenz gegenüber spirituellem Gehabe und fundamentalistischer Bevormundung. Sie erkennt rasch, dass indische Spiritualität meist mit gutem Geschäftssinn gepaart ist. Europäer, die im Kostüm eines Sadhu yogische Verrenkung und Versenkung bei Sonnenaufgang am Strand praktizieren, belustigen sie ebenso wie Trommler, die heilige Töne hervorzubringen meinten, wenn sie an indischen Gestaden Tierfelle beklopfen. Inder andererseits erscheinen ihr gar nicht sonderlich spirituell, nicht einmal religiös nach europäischem Verständnis. Sie betrachtet sie lediglich als abergläubisch in einem Grad, den sie nicht für möglich gehalten hat und gelegentlich unheimlich findet.

    Für sie ist Vinay der erste überzeugend gläubige Mensch, den sie kennenlernt, und er fasziniert sie damit nachhaltig. Zunächst jedenfalls. Vor allem kommt er ihr grundehrlich vor und unerwartet humorvoll. Als sie ihn bittet, eine Bierflasche zu öffnen, benutzt er dazu sein prachtvolles Gebiss. Sein grinsender Kommentar zu ihrer Verblüffung: „This is my spirituality.“ Als Lena in Shivarna eintrifft, ist Vinay ein gutaussehender, sympathisch wirkender Mann Mitte Dreißig, strotzend vor Gesundheit, breitschultrig und muskulös mit einem dichten, schwarzen Seehundschnauzbart. Er hat damals Aussehen und Energie eines jungen indischen Mannes bäuerlicher Herkunft. Die kurzen dunklen Haare auf dem breiten Schädel beginnen sich zu lichten, was seine Stirn höher erscheinen lässt. Seine Fußsohlen sind hornig und rissig und ähneln Pferdehufen. Fehlendes Kopfwackeln unterscheidet ihn von seinen Landsleuten. Angeblich ist er ein halber Brahmane, allerdings einer, der das Kastenwesen vehement ablehnt. Meist sieht man ihn umwickelt mit dem traditionellen orangefarbigen Hüfttuch, Schal und Gebetschnur über der bewaldeten Brust, häufig in dieser Priesterkluft auch auf seinem Motorrad. Nur ausnahmsweise bei besonderen Anlässen tritt er in westlicher Kleidung auf. Dann ist er nicht wiederzuerkennen in schwarzer Lederjacke, weißem Hemd, Jeans, Fliegerbrille und Adidasschuhen.

    Vinay lebt selbstverständlich voll vegetarisch und nach eigner Aussage zusätzlich sexuell abstinent, bis er irgendwann vielleicht heiratet. Seine Miene ist fast immer heiter. Er wirkt anfänglich auf Lena wie ein Kind, das sich am meisten am Glück anderer freut. Unermüdlich schuftet er den ganzen Tag auf seinem Baugelände, denn Namaste Garden House befindet sich jahrzehntelang im Baustadium. Dort schleppt er beständig schwere Balken und Steine, klettert auf hohe Palmen, pflanzt und fällt Bäume oder erntet Bananen und Kokosnüsse, die er auf dem Markt verkauft. Jeden Abend pflegt er mit einem Segensritual für alle seine Mieter zu krönen. Mit seiner Stirnlampe gleich einem Rieseninsekt lautlos durch den dunklen Garten wandernd entzündet er überall kleine Lichter und Räucherwerk. Er ist Architekt und Gärtner, Lehrherr seiner Arbeiter, Koch, Berater, Schutzherr, Pate und Masseur für seine Mieter, praktizierender Priester für eine Gemeinde Hilfsbedürftiger oder Kranker, Yogi sowie Pfleger seiner halbblinden, alten Mutter und Vorstand einer vielköpfigen Familie. Dennoch hat er immer Zeit, jeden Gast mit einer Tasse Tee oder einem frisch gepressten Papayasaft zu empfangen. Dass er sich auch als Priester, Heiler und Vormund seiner Mieter versteht, dahinter kommt Lena erst später.

     Bevorzugt verbringt er seine Freizeit im abendlichen Gespräch mit ihr, wenn alle Pflichten erledigt sind. Dabei redet er sich leicht in Begeisterung, sobald es um das leidenschaftliche Verhältnis geht, das er zu seinem Gott unterhält. Shiva spricht nämlich zu ihm, von ihm erhält Vinay eindeutige Anweisungen für alle Aktivitäten. Ohne diese signals von Shiva unternimmt er nicht nur nichts, sondern hört auch auf niemanden. Shiva war es, der ihn mit der Anlage des Namaste Garden beauftragt hat. Von ihm kam per Inspiration detaillierte Anleitung zum Bau der Bungalows nach vedischer Vorschrift. Kein Wunder, dass mit Hubert keine Verständigung gemäß europäischen Vernunftkriterien gelingen konnte. Vinay erzählt einen Traum, in dem er eine Berufung von Durga empfängt, einer Variante Parvatis, Shivas zweiter Gattin. Die Göttin war absolutely beautiful mit rotglühenden Augen, bodenlangen schwarzen Haaren und einer Kette aus Totenschädeln um den Hals. Mit donnernder Stimme verlangte sie von ihm, im heiligsten Tempel Shivarnas eine Puja-Zeremonie für sie abzuhalten. Obwohl ihm dort kein Zugang gestattet war, bekam er tatsächlich die Erlaubnis dazu. Unklar bleibt, ob dieses Resultat sich real oder ebenfalls im Traum ereignete.

    Für Lena ist Vinay in dieser ersten Zeit wie das Herz von Shivarna. Sie kann sich nicht vorstellen, ihm misstrauen zu müssen. In gewissen Momenten wird der Inder allerdings erschreckend ernst. Dann ist da plötzlich kein lächelndes Kind mehr, sondern eine fast unheimlich wirkende Energie. All dies betrifft lediglich ihre ersten Impressionen, die sich im Laufe der Zeit erweitern und wandeln. Es verunsichert sie etwas, wie rasch er ihr uneingeschränktes Vertrauen zu gewinnen vermochte. So kennt sie sich nicht. Normalerweise ist sie zurückhaltender damit. Sehr bald bringt er ganz von sich aus die Rede darauf, irgendwann later ihre Pflege zu übernehmen, so dass sie dann forever nach Indien ziehen kann. Bei seinen weitgespannten Beziehungen kann er ein Dauervisum für sie leicht beschaffen. Nach ihrem Tod wird er dann für eine angemessene Versorgung und Verbrennung ihres Leichnams Sorge tragen, damit nicht böse Geister von ihrer Seele Besitz nehmen. Lena ist tief gerührt, welche existentiellen Gespräche sich mit diesem nahezu fremden Mann ergeben. Sie schätzt es als unerhörtes Glück, eine solche Vertrauensperson auf Anhieb gefunden zu haben, noch bevor sie angefangen hat, danach zu suchen.

    Nach und nach erfährt sie nun von Vinay auch dessen gesamte Leidensgeschichte mit Hubert, wie dieser sich in quasi kolonialer Anmaßung aufgeführt und die Hingabe seines indischen Freundes ausgebeutet hat. Unter Berufung auf seine anfänglichen Investitionen – Gelder seiner Schwester – hat Hubert sich in den letzten Jahren tatsächlich geweigert, für Miete, Vollpension und Betreuung überhaupt noch zu bezahlen. Denn diese Summen seien nicht in seinem Sinn verwendet worden. Hat Vinay herumkommandiert und bevormundet wie einen Schuljungen, sich bedienen lassen wie ein Häuptling von seinem Sklaven, der ihn waschen und seinen Dreck zu beseitigen hat, und es ihm nie rechtmachen kann.  Sogar andere Mieter hat er für sich einzuspannen gesucht, dass sie ihm die Fußnägel schneiden sollen, was etliche vertrieben hat. Jede auftauchende alleinstehende Frau wurde wahllos angebaggert und belästigt, für Vinay ebenso peinlich wie Huberts unkontrollierte Wutanfälle unter Alkohol. Mittlerweile wünscht hier niemand mehr, ihn im nächsten Jahr wiederzusehen. Der Mitleidsbonus für den Behinderten ist schlicht aufgebraucht. Mit unverschämtem, ausfallendem Benehmen hat er es sich mit den ältesten Freunden verscherzt.

     Je mehr Vinay davon erzählt, desto stärker schwillt seine Empörung an. Seine Stimme wird lauter, die Gesten dramatischer, die geröteten Augen scheinen aus ihren Höhlen zu springen. Vielleicht hört ihm zum ersten Mal im Leben jemand zu. Er hat einen Freund, ja sogar einen Vater in Hubert sehen wollen und fühlt sich von ihm missbraucht. Kein Wort der Anerkennung und des Dankes. Wofür hat Hubert ihn gehalten? Dabei ist doch er selbst der ganz alleinige Erbauer von Namaste Garden House. Seine Beschwerden klingen bitterböse. Indem er sich damit selbst beruhigt, erläutert er mit Hilfe einer Fabel sein Fazit.

    Es war einmal ein Elefant, der ein wiedergeborener Buddha war. Er gehörte einem König. Das Tier war so schön, dass die Menschen auf der Straße, wenn der König auf ihm ausritt, nur diesem Elefanten zujubelten. Da wurde der König eifersüchtig und beschloss, seinen eigenen Elefanten zu töten. Er rief dessen Wärter zu sich und trug ihm auf, das Tier vorzuführen. Der Wärter war aber ein weiser Mann, der die besondere Natur dieses Dickhäuters kannte. Er merkte sofort, was der König im Schilde führte. Deshalb sprach er voll Sorge zu seinem Elefanten. Doch dieser lächelte nur und sagte, alles werde gut werden. Als der Elefant vor den König gebracht wurde, befahl ihm dieser, an den Rand eines Abgrundes zu treten und dort auf drei Beinen zu balancieren. Der Elefant tat, wie ihm geheißen, und lächelte dazu. Am nächsten Tag wurde er wieder vor den König geführt und sollte diesmal auf nur zwei Beinen am Abgrund stehen. Auch dies vollführte er lächelnd. Am dritten Tag wurde ihm befohlen, auf nur mehr einem Bein an dieser Stelle zu balancieren. Und auch dies vollbrachte er mit Leichtigkeit und lächelte dabei. Am Abend sprach der Wärter weinend zum Elefanten, dass der König ihn sicher am nächsten Tag umbringen werde. Aber dieser beruhigte ihn wieder, lächelte und sagte, alles werde gut. Als er erneut vor den König trat, befahl dieser ihm diesmal, über den Abgrund zu fliegen. Der Wärter fiel bittend auf die Knie, um den wundervollen Elefanten zu retten. Doch dieser entfaltete seine großen Ohren – und flog, lächelte und winkte. Er flog nämlich zu einem anderen König, der seine Fähigkeiten besser zu würdigen und sich an ihnen zu erfreuen vermochte.

    * Aus „Paradiese sind keine Heimat“, Roman, bs-Verlag Rostock 2017- ISBN 978-3-7481-0016-4

  • Uns ist bekannt, dass wir zu Lebzeiten kein Bleiberecht dort haben. Schon gar nicht als Familien. Aber wir werden den Traum nie aufgeben, leibhaftig zurückzukehren an den Ort, wo wir uns fühlen wie damals. Wo Wiege und Grab zusammenfallen, sind wir unsterblich. Irgendwo existiert solches Paradies, doch den Einlass kontrolliert der Engel der Unzu-friedenheit. Große Schlangen bewachen eine Pforte, in der Gierige und Ungeduldige steckenbleiben. Nur Anspruchslose schlüpfen durch, wenn sie die Losung kennen: Es ist – wie es ist. Andere gelangen nicht über den Vorhof hinaus und werden auch diesen verlassen müssen, weil sie sich gegenseitig vergraulen.

     Unbelehrbar durch Enttäuschung pilgern wir in Scharen dorthin, denn es muss diesen Ort geben, nicht irgendwann oder im Jenseits, sondern jetzt und für alle Zeit. Je öfter wir vertrieben werden, desto begieriger streben wir nach Rückkehr. Kein Hindernis, keine Gefahr ist zu groß. Egal was es kostet, und wenn es das Leben selbst ist. Keine Sehnsucht scheint stärker als diese. Vielleicht ist sie selbst schon das Paradies. Friede, Freude, Eintracht unter Menschen und Tieren, ohne Nöte und Plagen, in dieser Welt soll der Mensch dem Menschen kein Wolf mehr, jeder willkommen und ewige Weihnacht zur Sommerzeit sein.  Nicht alle erwarten gebratene Tauben. Manche begnügen sich mit dem Überleben oder einer Arbeit und erhoffen sich nur, einer Familie und Heimat angehören zu dürfen, in der sie nicht fremd bleiben müssen. Doch irgendwas wird immer fehlen, und wenn es ein schnelles WLAN ist.

     Wie unser Vorelternpaar halten wir paradiesische Langeweile auf Dauer schwer aus. Zur traditionellen Besetzung einer spanischen Krippe gehört der Caganer. Das ist ein Kerl mit nacktem Hintern und heruntergelassener Hose, der sich nicht schämt, bei Jesu Geburt in einem Winkel des heiligen Stalls seine Notdurft zu verrichten. Mit einem solchen Scheißerchen müssen wir halt leben, das in jedem Paradies Mist macht. In allen Vorhöfen wird es voll, laut, schmutzig und beginnt zu stinken. Aus Paradies wird dort Hölle. Der Andrang bleibt, längst sind Unzählbare auf der Flucht unterwegs und kreuzen die Wege von Karawanen, die in umgekehrter Richtung wandern. Jeder vermutet seinen Sehnsuchtsort in lieblicher, einsamer Landschaft mit mildem Klima, guter Luft und klarem Wasser. Wer sein Juwel gefunden hat, will sich dort im Kreis seiner Lieben ansiedeln. Die nicht dazu gehören, mögen gefälligst verschwinden. Was anfangen mit denen, die auch im Garten Eden leben wollen, aber unerwünscht dort sind? Puristen möchten ihre Heimat und Familie verewigen und erträumen sich ein Eiland mit dicker Schale, die dem Weltuntergang trotzen soll. Mauern sorgen dafür, dass keiner hinein und heraus darf.

    Alle Paradiese sind fragile Gebilde, die umkippen, sobald die Schlangen die Oberhand bekommen. Wir schleppen schweren Ballast mit uns. Heilige Lasten sollen bestimmen, wie wir leben. Auf ihren Podesten werden sie immer größer, und sie vertragen sich schlecht: Freiheit will Frieden verdrängen, Gleichheit wichtiger sein als Gerechtigkeit, Wahrheit Liebe bekämpfen, Sicherheit und Ordnung Glück kontrollieren. Solange wir diese Denkmäler brauchen, kann es auf Dauer keine Paradiese für uns geben.

    * Aus Paradiese sind keine Heimat (Roman) – bs-Verlag Rostock 2017- ISBN 978-3-7481-0016-4