Month: Juli 2019

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    50 Jahre nach der Praxiseröffnung kehre ich zurück in den Ort, den ich damals so beschrieb: «In unserem Dorf praktizieren drei Ärzte: ein Chirurg, ein Internist und ich als Allgemeinpraktiker. Wir vertreten uns gegenseitig während der Ferien und leisten abwechslungsweise Wochenenddienste, auch im Spital, so dass wir über unsere Patienten eine gute Übersicht haben. Unser Gebiet ist zirka 25 km lang. Ungefähr die Hälfte unserer Patienten sind Bergbauern, die in den kälteren Jahreszeiten ihre Zipfelmützen tragen.» Jetzt gibt es zwar weniger Bergbauern, aber immer noch viele Bewohner tragen die «gäbigen» Zipfelmützen. Das Haus, in dem ich die Praxis hatte und im ersten Stock wohnte, ist schöner, stattlicher, aber nach 100 Jahren gibt es dort keine Arztpraxis mehr. Der Besitzer, mein Nachfolger, hat mit der Praxistätigkeit, die er nach dem Muster seines Vaters als Chirurg im Spital und praktizierender Arzt führte, aufgehört und im Erdgeschoss die Praxisräume in eine Wohnung für die Familie seiner Tochter umgebaut. Das ist nicht alles, nach der Blütezeit mit mehreren Ärzten, praktiziert im Dorf keiner mehr.

    Das schöne Spital, das ein Jahr nach Anfang meiner Praxistätigkeit eröffnet und mehrmals um- und ausgebaut wurde, wollten sie noch vor ein paar Jahren im Wahn der Liebe zu Grossspitälern schliessen. Nach heftigen Protesten der Einwohner, wie im ganzen Land bei solchen Vorhaben üblich, überlegten sie sich eines Besseren. Die Proteste wären vermutlich ins Leere gegangen, aber die verantwortlichen Politiker, die Vorsteher der kantonalen Gesundheitsdirektionen, die es durchsetzen wollten, wurden prompt abgewählt und ihre Parteien büssten bei den nächsten Wahlen jeweils Stimmen ein. Es zeigte die Stärke der direkten Demokratie. Darauf wurde nach längeren Diskussionen in der Standes- und allgemeinen Presse ein neues Modell des peripheren Spitals entwickelt, wie es auch hier jetzt bestens funktioniert. Es besteht aus einem Kreisssaal von Hebammen geführt, mit Zimmer für Wöchnerinnen, weiter einer geriatrischen Abteilung. Die Angehörigen der alten Patienten brauchen nicht weit das Tal runter zu fahren, um sie zu besuchen. Ähnlich ist es mit der Demenzabteilung. In der Pflegeabteilung werden Patienten, wenn nötig auf die Operationen in den grösseren Spitälern vorbereitet und nachher nachbehandelt, wie auch andere Patienten, die zwar nicht zu Hause betreut, aber auch nicht in einem grösseren, besser ausgerüsteten Spital versorgt werden müssen. Im Ambulatorium werden kleinere operative Eingriffe, Wundversorgungen vom Personal des Spitals durchgeführt, anspruchsvolle Endoskopien und Ultraschalluntersuchungen jedoch von auswärtigen Spezialisten, die jeweils dafür einreisen. Sie benützen dafür Geräte, die von den  Zentralspitälern aussortiert wurden.

    Die Medikamente für die einzelnen Patienten bereitet ein Roboter vor. Die Spitalapotheke hat auch einen Vorrat an Notfallmedikamenten für die Bevölkerung des Tales. Ihren normalen Bedarf beziehen sie über eine Versandapotheke, was für sie und ihre Versicherer günstiger ist. Die Dorfapotheke schloss bereits vor mehreren Jahren ihre Türe.  Die Patienten werden zum grossen Teil von Robotern auch gepflegt. Zuerst wagten es nur die Mutigen.  Als sie Gefallen an den ruhig summenden und arbeitenden Maschinen fanden, folgten ihnen weitere. Die pflegenden Menschen sind nicht verschwunden. Sie springen ein, wenn die Roboter überfordert sind, oder jemand sie ablehnt. Die Qualität der Patientenbetreuung hat enorm zugenommen: Die Patienten werden öfters gepflegt, gewendet, schneller, ohne lange warten zu müssen, gereinigt und genährt. Das Personal hat mehr Zeit, ihren Ängsten und Sorgen zuzuhören, und da manche dafür besonders geschult wurden, können sie auch in diesem Bereich besser helfen. Wegen der guten Spracherkennungssysteme und einheitlichen elektronischen Krankengeschichten verminderten sich die ungeliebten Schreibarbeiten, und es gibt mehr Zeit für die Uraufgabe, die Pflege und Betreuung der Patienten.       Dank Telemedizin braucht das Spital keine eigenen Ärzte. Als Unterricht für Studenten und junge Assistenten findet einmal pro Woche eine Visite mit einem erfahrenen Arzt, nicht selten einem Professor aus einem Zentrumsspital statt.

    In einer Zeit, in der es aus verschiedenen Gründen immer weniger Allgemeinärzte gab, wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass in Gebieten, wo sie vorhanden waren, die Gesundheit besser und die Sterblichkeit tiefer war. Dann steigerte man noch die Bemühungen, um mehr Allgemeinärzte zu haben. Es half nicht. In der Not besann man sich, dass eigentlich die Funktion, die Erfüllung der Aufgaben wichtig ist und in der Zeit der künstlichen Intelligenz, diagnostischen und therapeutischen Algorithmen, Telemedizin, auch weniger gründlich und weniger lange ausgebildete Personen ohne Hochschulabschluss es tun können. Schon seit längerer Zeit übernahm doch nichtakademisches, gut und speziell ausgebildetes Personal viele ehemalige ärztliche Aufgaben wie Diätberatung, Pflege der Wunden bei Diabetikern, Betreuung der Dementen, Versorgung einfacher Wunden. Nebst der Labormedizin, spielte die Anästhesiologie eine Vorreiterrolle. Bereits vor mehr als 60 Jahren war es  üblich, dass die Patienten von Pflegefachleuten narkotisiert wurden. Dieser Trend verstärkte sich unter dem Titel «Fachüberschreitende Zusammenarbeit». Die immer besseren Geräte für die bildgebenden Untersuchungen ermöglichten ihren Einsatz in der Röntgenologie und bei Endoskopien. Nach 50 Jahren seit der Eröffnung meiner allgemeinärztlichen Praxis werden die Patienten im Tal von besser und speziell ausgebildetem Spitexpersonal im Ambulatorium des Spitals betreut. Sie besuchen die Patienten selbstverständlich auch zu Hause. Der Vorteil dieser Lösung ist, dass sie meistens ortsgebunden und ortskundig sind und damit weniger ihre Stellen wechseln. Ihre Arbeit ist interessant und sehr begehrt. Das Modell mit speziell ausgebildeten Plegepersonal aber ohne Besuchen übernahmen auch grosse zentrale Spitäler, um ambulante Patienten mit kleinen Wunden und banalen Krankheiten zu triagieren und zu versorgen.
    Durch diese Entwicklung sowohl im Spital- wie im ambulanten Bereich entschärfe sich in relativ kurzer Zeit der Mangel an Ärzten und Pflegepersonal. Ihre Zuwanderung aus Ländern mit einer schlechteren Belohnung wurde weitgehend aufgehalten. Diese Länder litten darunter mehr und begannen deswegen mit den beschriebenen Änderungen zuerst. Wie alle technischen Fortschritte führten sie zu einer grösseren Effizienz und kürzeren Arbeitszeiten.

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    Wenn jemand vom Vorstand des BDSÄ mich anruft, ein E-Mail sendet oder auch eine SMS, spüre ich jene Unruhe, von der ich meine, dass sie weder von Helga, Dietrich, Eberhard, Jürgen noch von mir kommt. Ich bewundere meine Vorstandskollegen. Sie melden sich, und alle, die ich kenne, spüren diese Unruhe, fühlen sich zu ihr hingezogen, als ob man in eine der vielen Dellen des Lebenslaufs fiele. Dennoch fühlen wir uns stark und lebenslustig.

    Es ist eine Weise, sich auf allen Schlachtfeldern der Gegenwart zu bewähren – in Familie, Beruf oder Ruhestand, im ungebremsten ökonomischen Wachstum und in der digitalen Reformwut, mit der die Politik die Abschaffung von Geist und Seele rechtfertigt. Alles geschieht ohne Freizeitgarantie, die nur der Individualisierung  dienen würde.

    Gleichwohl sind wir vom Vorstand nie die Besten, denn wir bessern uns stän-dig, ohne damit inne zu halten. Wir hängen uns hinein, richtig hinein, bearbeiten und überbieten uns, bis der BDSÄ in einer Talk Show zum besten Verein gekürt wird!

    Helga sagt dazu: „So gehört sich das, aber nicht für uns.“

    Ja, es gehört sich so, weil die Besseren es wollen und die ewig Guten eigentlich nicht. Erlebnissuche, Fortschritt und Abenteuer lassen die unbehagliche Unruhe von der Leine, erhöhen die Spannung zwischen dem Zwang und der Furcht, das Zusammenleben scheitern zu lassen und den BDSÄ dazu.

    Erinnern wir uns an die Zeit, in welcher der Verband in einen Lebensbund mit dem unruhigen Hojo geriet! Was wäre, wenn es diese Zeit nicht gegeben hätte? Gäbe es uns, den organisierten Medicus poeticus, die Geschäftsstelle und die Bibliothek überhaupt?

    Fragte man Dietrich, würde er sagen: „Unruhe ist die Norm; Punkt.“ Er meint damit nicht den normierten Power Point Punkt. Hätte ich die Ehre, dass mir Jürgen ein Interview gäbe, fragte ich ihn zuerst: „Ist Unruhe die selbstverständliche, nicht zu hinterfragende Lebensweise?“

    „Hingezogen fühlen“, würde er antworten, „gesteigerte Arbeitslust und Stark-sein tauchen überall auf, in der Welt der Arbeit, der Wirtschaft, ja sogar der Freizeit – nicht als das Beste, sondern als das Bessernde, als das Zugehen auf sich selbst überbietende Forderungen …“

    Würde ich Eberhard fragen „Was wäre, wenn es keine Unruhe gäbe?“, höbe er den Finger: „Wollen wir das überhaupt, keine Unruhe mehr? Wir leben doch eine hemmungslose Unruhe, das Unbehagen, den Zwang und die diffuse Angst, die Zukunft nicht mehr organisieren zu können. Nur sehr wenige würden eine Muße auf Dauer ertragen …“

    „Ist nun Unruhe eine Erfindung der Moderne, oder nicht?“, würde ich Helga an dieser Stelle fragen.

    „Der wesentliche Unterschied zwischen heute und früher liegt“, höre ich Helga sagen, „in der Haltung zur Unruhe. Sie beschränkte sich früher auf Krisen, Schicksalsschläge oder Katastrophen. In der Breite selbst gestaltend tätig zu werden, das eigene Leben in die Hand nehmen und etwas daraus machen, dazu kam es nach der Reformation. Erst im Lauf der letzten beiden Jahrhunderte nehmen Untertanen das eigene Leben in die Hand und machen eine eigene Geschichte daraus.“

    Da beschleicht mich die Frage: „Kam die Unruhe als unerwünschte Begleitwirkung des Glaubens an den Fortschritt auf?“ „Ja natürlich“, würde Eberhard sagen. „Schaut auf die technischen und die Naturwissenschaften, nein, auf alle Wissenschaften! Sie sind die Triebwerke der Unruhe, weil sie prinzipiell niemals bei dem stehen bleiben, was man schon weiß.“

    „Da hat Eberhard recht“, gäbe Dietrich zu bedenken, „es muss ständig etwas passieren. Ärzte und Psychologen codieren digital und wollen dann mit Algorithmen therapieren. Für mich sind solche Krankheitsbilder aber nur die Oberflächenstruktur eines Zeitgeistes, der viel tiefer wurzelt.“

    „Ich muss jetzt los,“ wirft Jürgen ein. „Du willst schon abhauen?“ Der tadelnde Blick Eberhards trifft ihn kompromisslos. „Lass mich ausreden“, fordert Jürgen, „und hör erst zu! Die Aussage ‚ich muss jetzt los‘ bedeutet heute nicht loslassen von der Arbeit oder Hektik, sondern bedeutet losrennen, weil man dringende Ter-mine hat. Sportsendungen und Casting Shows machen es uns täglich vor.“

    „Das hätte meine Großmutter als schlechtes Benehmen empfunden“, erklärt Dietrich, „heute halten es die meisten für gut: Klar, die Leute haben eben Wichtigeres zu tun. Wer beschäftigt ist, darf schnell verschwinden, darf ständig Wohnort und Partner wechseln: die Unruhe hat Priorität. Dahinter steckt die ganze Ethik eines neuen Zeitgeistes, eine Ethik des von vornherein flüchtigen Zusammenlebens mit Familie oder Firma.“

    Helga schüttelt den Kopf: „Wie ihr mit der Unruhe umgeht! Als Psychotherapeutin habe ich es da leichter. Das Aufschreiben von Erzähltem ermöglicht es mir, alle Dinge zu ordnen. Damit rücken die Dinge auf Distanz, verlieren das Dämonische und kommen unter Kontrolle. Darin liegt meiner Ansicht nach die Aufgabe der Schriftsteller: Die Dinge und die Fantasien  beschreiben, wie sie sind. Das hat, als gewünschte Nebenwirkung, etwas sehr Beruhigendes.“

    Die Stimme Eberhards erhebt sich, sein Finger deutet auf sein Smartphone: „Das habe ich alles aufgenommen, soll das alles ins Protokoll? Ich hätte schon gern etwas von der Tagesordnung aufgenommen, zum Beispiel, ob wir Schweizer Kollegen aufnehmen.“

    „Aber Eberhard“, entrüsten sich alle, „wir haben schon abgestimmt, das ist schon beschlossen! Wenn Schweizer eintreten wollen, sind sie willkommen, und wir nehmen sie wie jedes andere Mitglied auf.“

    „Hast Du es aufgenommen, Eberhard?“, fragt Dietrich vorsorglich nach.

    „Also deine letzte Frage, Dietrich“, trotzt Eberhard, „nehme ich nicht auf!“

    ( 2019 )

  • FKK im Internet
    Wollen wir uns gründen
    Intime Daten, Geld und Bett
    Und all die Steuersünden

    Die mühsam virtuell mit List
    Häcker sich erschleichen.
    Schicken wir als public Mist
    Zu den Datenleichen.

    Spanner in der Hackerwelt
    Mögen googeln,  twittern,
    Was das Netz Geheimes hält
    Bringt uns nicht zum Zittern.

    FKK entspannt, befreit
    Von Ängsten, Scham und Sorgen
    Spyware wandelt Bit und Byte
    In Me too von Morgen.

    Böse Hacker können sich
    Zu Avatars verwandeln.
    Journalisten fürsorglich
    Fake News als wahr behandeln.

    Also dann:
    Zeige jeder, was er kann!
    FKK im Netz macht frei!
    Und Datenklau ist auch vorbei!

    Schließt Euch uns, Ihr Leute an
    Frei sei Web und Master!
    Dann surfen weder Frau noch Mann
    Beim Date in ein Desaster!

     

     

  • Ihr wollt mich nicht, Ihr weist mich ab!
    Ich sage, das wird euer Grab!

    Habe gelitten, war in Not
    Und sicher auch ganz nah dem Tod.

    Mit Vaters Segen, letzter Kraft
    Und Geld hab ich mich aufgerafft

    Wie es mir Allah stets gebot
    Schaffe den Hungernden das Brot.

    Ich habe Euer Herz geglaubt.
    Mitleid, Verstand sind Euch geraubt

    Schreckt nur vor Macht der Diktatur
    Vergesst Gewalten der Natur.

    Wie, meint Ihr denn, kann ich zurück
    Als Bote für das Missgeschick?

    Kann töten meine Träumerein
    Der Einladung zum Glücklichsein?

    Ihr handelt wie ein Teufelsschwein!
    Ich komme wieder, ich allein

    Opfere mich für Allahs Macht.
    Ich sprenge Euch in seine Nacht

    Und lebe dort in seinem Reich
    Als treuer Diener, Herr zugleich.

    Dort sag ich Euch, wer bleibt, wer geht
    Wenn Ihr zertrümmert vor mir steht.

     

     

     

     

     

     

     

  • Der aufrecht Gehende

    (1.7.2019)

     

    Im Hain meiner Träume tauchen tausend Leuchtkäfer auf
    wenn über dich ehrfürchtig gesprochen wird
    Der Garten meiner Gedichte gedeiht glanzvoll
    wenn über dich sehnsüchtig nachgedacht wird
    Dann werden die Straßen meiner lebendigen Stadt
    mit den schönsten Blumen der Zuversicht geschmückt
    Und die Menschen verhalten sich so
    als wäre es der erste Frühlingstag voller betörender Düfte
    Im Himmel ihrer Herzen funkeln frohlockende Sterne
    Ihre Worte schmecken nach frischem Quellwasser
    Wenn du erscheinst, fliegen die Vögel verzaubert
    die schönsten Gesänge im Sinn
    Und die mit trächtigen Träumen bewässerten Bäume
    zaubern ein Meer ihrer besten Früchte hervor
    Dort, wo du wirkst, lodert das Lebensfeuer

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    Römer und Germanen, Italiener und Deutsche sind von alters her verbunden in Freud und Leid, in Freundschaft und Feindschaft, in Herablassung und Bewunderung. Was dem Deutschen sein Fleckerl-Teppich (Sachsen-Weimar-Eisennach, Reuß jüngere Linie, Löwenstein-Wertheim-Freudenberg) ist dem Italiener sein Campanilismo. Germanicus war ein Beiname derjenigen römischen Feldherren und Kaiser, denen es gelang, die Scharte der verlorenen Varusschlacht auszuwetzen und sich – vorübergehend – ein namhaftes Stück Germanien einzuverleiben.

    Anfangs bestehen die römischen Militärlager aus Erdwällen mit hölzernen Palisaden, die Unterkünfte aus ledernen Zelten[1]. Im Jahre 2 n. Chr. beschreibt der Geometer Hygin (Hyginus Gromaticus) wie ein Castrum entsteht. Vermessungs-Ingenieure stecken die beiden Hauptachsen, den Cardo und den Decumanus, ab. Für rechte Winkel benutzt man eine Kombination aus Lot und Visiergerät, die  Groma[2]. Das Haupttor, die Porta praetoria, öffnet sich in Marschrichtung, gegen den Feind, An der höchsten Stelle des Lagers befindet sich die Porta decumana. In der Mitte liegen die Stabsgebäude/Principia, mit dem Fahnenheiligtum und dem Bildnis des Kaisers[3], das Praetorium, der Sitz des Kommandanten und die Mannschaftsbaracken/Centuriae. Vorratsgebäude, Werkstätten und Lazarett/Valetudinarium, schließen sich an. Letzteres gehört, wie wir aus Xanten/Vetera wissen, zu den ersten unter Kaiser Claudius (41-54 n. Chr.) aus Stein errichteten Bauwerken[4], deren Identifizierung mit Hilfe der dort gefundenen medizinischen Instrumente gelingt. Im Valetudinarium  wurden die Soldaten sowohl ambulant als auch stationär behandelt. Ihre Gesundheit zu erhalten ist erstrangig. Über Aquädukte wird frisches Wasser  herangeführt.

     

    Abb. 1: Pont du Gard bei Nîmes, Provence,  Aufnahme der Verfasserin

    Die Badegebäude/Thermen liegen meist vor den Kastell-Mauern. Mittels  Fußbodenheizungen/Hypokausten werden die Warmbäder/ Caldarien erwärmt.

     

    Abb. 2: Hypokausten, Leptis Magna/Libyen, 2. Jh. n. Chr., Aufnahme der Verfasserin (2009)

     

    Wie die Stabs- und Mannschaftsgebäude verfügen auch Thermen über Gemeinschafts-Toiletten/Latrinen. Viele sind mit einer ständigen Wasserspülung ausgestattet.

    Abb. 3: Latrine in der Hafentherme von Leptis Magna / Libyen, Aufnahme der Verfasserin (2009)

     

    Die Therapie ist nicht in jedem Fall unangenehm. In Aquincum erhält die Legio Secunda Adiutrix zollfreien Wein für das Lazarett. Der griechische Arzt Dioskourides (1. Jh. n. Chr.) empfiehlt Wein gegen Husten. Arzneien werden häufig mit Wein gemischt[5].

    Vor der Einstellung des Rekruten steht eine körperliche Untersuchung.  Ungeeignete werden ausgesondert. Exerzieren ist an der Tagesordnung.  Marschübungen im Laufschritt bezeichnet man als ambulatus – Spaziergang[6]!

    Militärärzte sind im Allgemeinen Unfreie, oft griechische Kriegsgefangene. Sie bekleiden keinen besonders hohen Rang, bringen es allenfalls zum Hauptmann, oft nur zum Sanitätsgefreiten; doch da sie die medizinische Versorgung der Truppen gewährleisten, verleiht ihnen bereits Caesar im Jahr 46 v. Chr. das römische Bürgerrecht[7].

    Müssen Rekruten wegen schwerer Verletzungsfolgen oder körperlicher bzw. geistiger Gebrechen vorzeitig ausgemustert werden, so entspricht das der ehrenhaften Entlassung. Sie durften dann heiraten und erhielten ein Stück Land[8].

    Seit Augustus gilt für dienstverpflichtete Soldaten das Eheverbot. Erst mit der ehrenvollen Entlassung, also nach wenigstens 25-jähriger Dienstzeit, erhalten sie das Recht auf Eheschließung. Das ändert sich unter Septimius Severus (193-211), der auch den aktiven Soldaten die Heirat gestattet. Vorher waren Soldatenehen und die vielen eheähnlichen Verhältnisse rechtsunwirksam; sogar  eine vorher geschlossene Ehe begann mit dem Eintritt des Rekruten ins Heer zu ruhen. Die zahlreichen Kinder “ex castris” hatten vor allem erbrechtliche Nachteile. Darüber wissen wir aus den erhaltenen Militärdiplomen:

    “Der Imperator Caesar………..gibt denjenigen Reitern und Fußsoldaten………deren Namen unten angegeben sind, ihren Kindern und Nachkommen das Bürgerrecht und das Eherecht mit den Frauen, die sie zu diesem Zeitpunkt schon hatten, oder wenn sie Junggesellen sind, mit denen, die sie später nehmen, jedoch nur mit einer.”

    Dass die Sorge des Kaisers für seine Soldaten noch in anderer Weise über den Zeitpunkt der Dienstentlassung hinaus gehen konnte, besagt die Bauinschrift an einem Balneum in Singidunum/Moesia superior (Belgrad): Dieses Bad steht  ausschließlich “in usum emeritis quondam Alexandriae”, dem Gebrauch durch die Veteranen der 4. Legion Severiana Alexandrina zur Verfügung[9]. Aus dem Namen der Legion geht der des Kaisers Severus Alexander hervor. Wir befinden uns in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr.

    Die Kleidung des Soldaten besteht gewöhnlich in einer kurzärmeligen Tunica, einem Mantel und den Caligae[10] für die Füße. Der Feldzeichenträger/Signifer (Abb. 4) ist mit einer langärmeligen Tunicaa mancata bekleidet. Sein Haarschnitt entspricht dem des Kaisers, Traianus.

     

    Abb. 4: Grabrelief, Aquincum/Pannonien, 2. Jh. n. Chr., Aufnahme der Verfasserin

     

    Gefangene Barbaren (Chatten?) stellt man spärlich bekleidet, mit grobschlächtigen Körpern und strähnigen Haaren dar (Abb. 5). Sie sind schmachvoll  aneinander gekettet, die Hände hinter dem Rücken gefesselt[11].

     

    Abb. 5:  Sockelrelief aus Mainz-Kästrich, 2. Jh. n. Chr., Aufnahme der Verfasserin

     

    Als Schutzgötter verehren die Soldaten Diana, Merkur, Kastor und Pollux,  aber auch die Heilkundigen, Asklepios und Hygieia/Salus. Die Auxiliartruppen behalten ihre Stammesgötter wie die keltische Pferdegöttin Epona. In einem Militär-Schwimmbad in Bu-Ngem/Tripolitana fand sich ein aus dem Jahr 203 n. Chr. entstandenes Weihgedicht an die Göttin Salus, verfasst von dem Zenturionen Q. Avidius Quintianus[12], der einerseits die glückliche Rückkehr des Heeres und andererseits die Wohltat des Wassers in der Gluthitze des Südens preist.

    Am germanischen Limes liegen im Abstand von 15 bis 20 km die durch Wachtürme kontrollierten Auxiliar-Kastelle. Einen florierenden kleinen Grenzverkehr bezeugen noch heute die lange vor dem Einmarsch unserer Befreier aus dem Westen genetisch fixierten klassischen Nasen und das dunklere Hautkolorit meiner Cousinen!

    Joseph Victor von Scheffel (1826-1886)  hat es in unnachahmliche Verse gegossen:

    Ein Römer stand in finst’rer Nacht
    Am deutschen Grenzwall Posten…
    An eine Jungfrau Chattenstamms
    Hat er sein Herz vertandelt,
    Er war ihr oft im Lederwams
    Als Kaufmann zugewandelt…

     

     

    Abgekürzt zitierte Literatur:

    Busch 1999: St. Busch, Versus Balnearum (Stuttgart und Leipzig 1999)
    Johnson 1987: A. Johnson, Römische Kastelle (Mainz 1987)
    Junkelmann 82000: M. Junkelmann, Die Legionen des Augustus (Mainz 82000)
    Selzer 1988: W. Selzer, Römische Steindenkmäler. Mainz in römischer Zeit (Mainz 1988)
    Steger 2004: F. Steger, Asklepiosmediin. Medizinischer Alltag in der römischen Kaiserzeit (Stuttgart 2004)
    [1] Die älteste ausführliche Beschreibung stammt von Polybios aus der Mitte des 2. Jh. v. Chr. Pol. VI.
    [2] Johnon 1987, 54 f. Abb. 22.
    [3] Tac. Hist. III, 13; An. IV, 2.
    [4] Johnon 1987, 257.
    [5] Johnson 1987, 182.
    [6] Vegetius I, 27; III, 2; Johnson a. O. 179.
    [7] Steger 2004, 49 und Anm. 207.
    [8] Steger 2004, 69.
    [9] Busch 1999, 266 f.
    [10] Junkelmann 82000, 96 Taf. 25. 158-161 Abb. 9.
    [11] Selzer 1988, 69. 241 Kat. 263 Abb. 47.
    [12] Busch 1999, 560-563.

  • Wie geht es dir?

    Eine entsetzliche Frage! Wie sollte wohl die Antwort darauf lauten? Allemal: danke, gut. Und Dir? Auch gut. Na, dafür können sich jetzt beide etwas kaufen. Viel schlimmer treiben es die Amis auch nicht, mit ihrem how do you do – how do you do, die zeigen wenigstens gleich offen, dass sie es gar nicht wissen wollen, nämlich wie es dir wirklich geht. Eine banale, vollkommen überflüssige  Begrüßungsfloskel. Wehe, man nimmt die Frage ernst. Das ist mir einmal passiert, als mir das Wasser bis zum Hals stand und ich tatsächlich anfing davon zu erzählen. Diese Verständnislosigkeit und absolute Hilflosigkeit! Mein damaliger Gesprächspartner, der im Übrigen durchaus von mir geschätzte Ehemann meiner Cousine, hätte nur noch zu sagen brauchen: dann erzähl es doch einem Psychologen!

    Eine Freundin geht genauso leichtfertig und gedankenlos mit dieser Frage um. Ich weiß es schon vorher, jetzt kommt wieder: wie geht’s Dir denn? Trotzdem  ärgere ich mich schwarz, fange ein bisschen an zu erzählen und merke schnell, dass eigentlich sie es ist, die reden will, nicht einmal von schwerwiegenden Dingen, sondern Banalitäten. Umso schlimmer.

    Wie geht’s dir denn? Eine furchbare Frage!

     

     

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    Ich fühle mich gesund, und ich kann alles tun, was ich immer gemacht habe.

    Naja, ich bekomme schon mal eher etwas Luftnot, wenn ich zu schnell laufe. Und früher habe ich die Zähne gezählt, die mir so nach und nach ausfielen, heute zähle ich die, die noch meine eigenen sind.

    Aber Pillen jeden Tag, nein, die muss ich nicht nehmen. Habe ich gedacht, bis mir eines Tages meine Krankenkasse schrieb, die gar keine Krankenkasse ist, sondern eine Gesundheitskasse.

    Sie wollten wissen, ob ich denn schon zum Gesundheit-Check gewesen wäre. Na, ich kannte nur den Check von der Sparkasse. Dass das einen Check für die Gesundheit gab, wusste ich gar nicht. Ich habe dann angerufen bei der Gesundheitskasse und sie sagten, dass das alles in Ordnung wäre. Ich solle mir keine Gedanken machen, checken soll heißen, ich soll mich beim Arzt untersuchen lassen. Das hab ich dann meiner Edith zu erklären versucht und dass die Kasse und die Bank noch nicht fusioniert hätten, von wegen Check und so.

    Nun ja, ich bin also hin zum Doktor. Er sagte gleich, dass er 15 Minuten Zeit für die Untersuchung hätte. Ich solle mich oben herum ausziehen und mich dann hinlegen.

    Als ich fragte, ob ich die Schuhe ausziehen soll, rief er mit einem Grauen in der Stimme: „Nur das nicht!“

    Beim Ausziehen stellte er mir Fragen.

    Ob ich rauche. Nein, nur eine Zigarre in der Woche und mal eine Pfeife. Und wie viel ich trinke. So zwei Flaschen Bier am Abend, auch mal drei, wenn meine Edith eingeschlafen ist auf der Couch.

    Ob ich genug Wasser trinke. Nein, das ist ja wohl für Pferde und Rinder. Ob ich mich nur mit meiner eigenen Frau befasse oder auch mit anderen? Ich fragte: „Die letzten zehn Jahre oder überhaupt?“ Der Doktor kratzte sich am Kopf: „Sagen wir mal die letzten zehn Jahre“. Da nickte ich.

    Und er wollte wissen, ob ich genug Bewegung hätte und ob ich etwas für mein Denken täte. Da nickte ich auch.

    Und ob ich beim Wasserlassen mehr als eine Minute brauchte, von wegen der Prostata. Ich nickte wieder.

    Inzwischen hatte ich mich hingelegt. Der Doktor nahm die Taschenlampe und hielt sie mir vor das Gesicht. Ich machte den Mund auf und er sagte zu mir: „Komisch, ich will zuerst in die Augen leuchten, aber jeder reißt gleich den Mund auf“.

    Dann wollte er wissen, wann ich das letzte Mal beim Augenarzt war, von wegen des Augendrucks. Ich war noch nie in meinem Leben beim Augenarzt. Aber einmal im Jahr soll man doch den Augendruck messen lassen. Na, er würde mir eine Überweisung geben. Das Messen müsste ich aber selbst bezahlen.

    Dann guckte mir der Doktor in die Ohren. Das Trommelfell war nicht zu sehen vor lauter Schmalz. Das sollte ich mir beim HNO-Doktor raus machen lassen, dann könne ich auch wieder besser hören.

    Nun war der Blutdruck an der Reihe und dann wurden Lunge und Herz abgehört. Beim Herzen guckte er so, fühlte meinen Puls, schrieb etwas auf, sagte aber nichts.

    Danach griff er mir auf den Bauch und auf die Leber. „Die Leber ist etwas zu groß, wahrscheinlich zu fett. Ist ja auch kein Wunder bei dem Bier und dem Übergewicht. Ihr BMI ist 27.“

    „Mein was?“

    „Ach so, BMI, Body-Maß-Index, heißt soviel wie: Für ihr Gewicht sind Sie zu klein.“

    Im Sitzen schlug er mir auf einmal mit der Faust in die Nieren. „Na, das hat wohl wehgetan, tja, das sind die Nieren. Das kriegt der Nephrologe raus,  vielleicht auch der Urologe. Da müssen Sie sowieso hin, wegen der Prostata. Ich gebe Ihnen für jeden eine Überweisung, auch gleich für den Orthopäden.“

    Dann konnte ich mich wieder anziehen und hinsetzen. So gründlich in so kurzer Zeit, dachte ich, hat mich ja noch nie im Leben jemand untersucht. Aber das wird daran liegen, dass ich nicht krank bin.

    Der Doktor guckte mich an: „Das mit dem Übergewicht kriegen wir rasch in den Griff. Sie essen keinen Kuchen mehr, trinken ein Bier weniger und machen ein wenig Sport.“

    Ich nickte und dachte, dass ich mich auf den Kuchen doch schon freue, wenn ich mich zum Mittagsschlaf hinlege.

    Der Doktor: „Was mir Sorgen macht, ist der Herzschlag. Der Puls ist mit 90 in einer Minute zu hoch. Jeder Mensch hat nur eine bestimmte Anzahl Pulsschläge für sein Leben mitbekommen. Wenn die Schläge verbraucht sind, ist der Mensch tot. Wenn wir nun den Pulsschlag auf, sagen wir mal 80, herunterbekommen, können Sie vielleicht fünf Jahre länger leben als jetzt. Sie müssten also eine Pille nehmen, damit das Herz langsamer schlägt, aber vorher schicke ich sie noch zu einem Spezialisten, zum Kardiologen.“

    Hm, dies war ja nun was. Ich soll eine Pille nehmen.

    „Hat die denn auch Nebenwirkungen?“

    „Meistens nicht. Aber es kann sein, dass Sie müde werden, jedenfalls mehr als sonst.“

    „Das heißt, ich schlafe dann mehr?“

    „Ja.“

    „Dann lebe ich also länger, aber schlafe mehr? Dann habe ich ja gar nichts von dem längeren Leben?“

    „Doch, Sie erleben doch länger etwas, wenn auch für kürzere Zeit. Denken Sie doch einmal darüber nach. Hier sind erstmal sechs Überweisungsscheine. Wenn Sie bei allen Ärzten gewesen sind, kommen Sie wieder her.“

    Clever ist der Doktor, dachte ich. Schickt mich zu seinen Kollegen, damit ich überall die Extras bezahlen kann, und die schicken wieder Patienten zu ihm, damit sie die Akupunktur, die er macht, bei ihm bezahlen.

    Ich stand auf und fragte: „Abgesehen von der Müdigkeit, haben die Pillen noch andere Nebenwirkungen?“

    „Na ja, es kommt schon mal vor, dass die Potenz beeinträchtigt ist?“ „Und was mache ich dann?“

    „Dann nehmen Sie ein Potenzmittel. Viagra oder etwas anderes.“ „Dreimal eine?“

    „Um Gottes Willen. Nur eine Einzige und auch nur bei Bedarf.“

    „Warum muss man denn damit so vorsichtig sein?“

    „Weil man die überhaupt nur nehmen darf, wenn das Herz in Ordnung ist und der Pulsschlag nicht zu hoch!“

    Als ich an diesem Tag nach Hause kam, fühlte ich mich irgendwie ein wenig krank. Ich ging in die Küche und trank erst einmal ein Bier. Dann aß ich das Stück Kuchen von nachmittags auf, steckte mir eine Pfeife an und holte den Eierlikör, den meine Frau so gerne trinkt, aus der Kammer. Danach goss ich mir einen Kognak ein und sagte zu meiner Edith: „Heute machen wir uns einen richtig schönen Abend.“ Und das haben wir auch getan.

    Nachts habe ich dann geträumt, dass der Doktor mir mit den Akupunkturnadeln in die Prostata gestochen hat. Und meine Edith hielt dabei die Taschenlampe, während die Frau von der Gesundheitskasse einen Check für den Augenarzt ausschrieb, der meinen Kuchen aß.

    Und ich habe die dreieckige Pille, ganz blau war sie, in den Eierlikör geworfen, der dann grün geworden ist. Mein Puls war auf sechzig Schläge pro Minute herunter, und ich war so müde, dass ich länger schlief als ich gelebt habe.

     

     

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    Ich stehe am Ufer der Stepenitz und schaue in das leicht getrübte Wasser. Eben noch war ich am neuen Kreisverkehr vorbei gekommen. Nun sind wir also mit zwei Kreisen ausgestattet. Als Kreisstadt eigentlich etwas wenig, hatte ich noch so gedacht. Andererseits reicht das auch wieder aus, es dreht sich ja sowieso oft genug alles im Kreise.

    Ich schaue also in das Wasser. Und was sehe ich? Gesichter von lauter Nixen. Welch entzückende Wesen! Nun gucke ich genauer hin. Alle kommen mir bekannt vor. Ja, richtig, es sind die Gesichter meiner früheren Geliebten.

    Das waren durchweg erlesene Schönheiten. Ihr Charakter war vom Feinsten, eine tugendhafter als die andere. Und alle aus Perleberg.

    Die erste Geliebte, sie trug blonde, lange Haare, Spielte Klavier, war immer voller Hoffnung. Sie erfreute sich am Heute und erwartete neue Freuden im Morgen. Es machte ihr nichts aus, Lasten zu tragen. Durch das Verbreiten von Hoffnung machte sie die Schwachen, auch mich, stark. Sie besaß auch Wagemut und Geduld.

    Die zweite Geliebte, sie spielte hervorragend Cello, war von dem Glauben an Liebe erfüllt. Glauben, sagte sie, sei leichter als Denken. Und Liebe, sagte sie, die sich nicht überwinden lässt, überwindet alles. Ein Leben ohne Liebe ist kein Leben. Liebe ist weise gewordene Begierde. Wo Freude wachsen soll, da muß man Liebe säen.

    Die dritte Geliebte hatte kurze schwarze Haare und war deutlich älter als ich. Sie spielte Blockflöte und wirkte sehr weise. Ihre Maxime war ein Sprichwort aus Mosambik: Die Weisheit ist wie ein Affenbrotbaum, man kann sie nicht umfassen. Und sie liebte das deutsche Sprichwort: An drei Dingen erkennt man den Weisen: Schweigen, wenn Narren reden. Denken, wenn andere glauben. Handeln, wenn Faule träumen. Und mit gütigem Lächeln sagte sie: Wo einer weise ist, sind zwei glücklich.

    Die vierte Geliebte, sie spielte mit Hingabe Querflöte, vertrat vordergründig die Gerechtigkeit, denn wo keine Gerechtigkeit ist, ist kein Friede. Und wo Gewalt Herr ist, da ist Gerechtigkeit Knecht.

    Die fünfte Geliebte, sie trug kastanienbraunes Haar und spielte Geige, war tapfer in ihrer Genügsamkeit. Sie meinte, den Mutigen gehöre die Welt. Und wie sagte sie so treffend? Fleiß ist des Glückes rechte Hand, Genügsamkeit die linke.

    Die sechste Geliebte hörte gerne klassische Musik und hatte häufig die entsprechenden Partituren dabei, um zu vergleichen, ob das Orchester auch richtig spielte. Sie hielt es besonders mit der Wahrheit. Ehrlich währt am längsten. Aufrichtigkeit überwindet alle Hindernisse.

    Die siebente Geliebte, sie hatte ihre Haare an den Schläfen grünlich gefärbt und sang ein wunderbares Alt, übte insbesondere Barmherzigkeit, denn diese ist größer als das Recht. Dabei sei zu differenzieren: Barmherzigkeit gegenüber den Wölfen ist Unrecht gegen die Schafe. Verbunden mit der Barmherzigkeit war bei dieser Frau ihre Friedfertigkeit. Sie ging davon aus, dass ein friedlicher Strom blühende Ufer hat.

    Die achte Geliebte, sie spielte Orgel und hatte ihre Haartracht mit kleinen falschen Zöpfchen verschönert. Sie ging davon aus, dass Güte mehr als Gewalt tut. Wer Güte erweist, kann Güte erwarten. Gleichzeitig war diese Frau voller Demut und sagte einmal: Besser demütig gefahren als stolz gegangen.

    Dann sah ich, wie sich die Geliebten alle auf der Wiese im Hagen  versammelten, ihre Masken vom Gesicht nahmen und darüber schmunzelten, dass ich ihnen all ihre Tugenden geglaubt hatte.

    Ah, dachte ich, es ist also nicht alles echt, die Frauen tragen Masken.

    Ich ging rasch nach Hause zu meiner Frau und wollte ihr die Maske vom Gesicht reißen. Doch sie trug keine.

     

  • Törichte Teilhabe

    (3.5.2019)

     

    Nun, Machthaber der Zeit!
    Für mich ist es nicht entscheidend
    wie euer Reichtum zustande kommt
    Hauptsache ich bin daran beteiligt
    auch wenn im Sinne von Brosamen 

     So denken im trügerischen Paradies
    erhobenen Hauptes und guten Gewissens
    nicht wenige Menschen
    die angeblich für eine bessere Welt eintreten
     dabei geduldet-gefördert
    festgelegte Fragen aufwerfen
    sich in zugewiesenen Gewässern bewegen
    und täuschend Teilaspekte eines Systems angehen
    das auf Verelendung gebaut ist