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Eine Geschichte darüber, wie es ist, plötzlich auf der anderen Seite zu sein
Heute
„Haben Sie schon einmal über einen Strick nachgedacht?“
Die Frage kommt so beiläufig, als würde der Gutachter mich fragen, ob ich meinen Kaffee lieber schwarz oder mit Milch trinke. Er blickt nicht einmal auf. Ich hatte erwartet, er würde wenigstens seine Augenbrauen hochziehen, seinen Kopf etwas nach unten neigen, um mich dann mit durchdringendem Blick über den Rand seiner Brillengläser zu mustern. Nichts.
Seine Finger fliegen über die Tastatur eines klobigen Laptops, der leise summt. Etwa alle vierzig Sekunden nippt er an seinem viel zu heißen Automatenkaffee. Bei jedem Hinstellen verschüttet er etwas. Das dunkle Büro riecht nach kaltem Rauch der Mittagspause, die er vor zehn Minuten beendet hat.
Die Augen des Gutachters sind leer und schauen unendlich gelangweilt aus. Er hat so ein Gespräch heute schon viermal geführt und ist nichts mehr als der Torwächter eines Budgets, das vor drei Wochen abgelaufen ist.
Er weiß es. Ich weiß es.
Der Stuhl, auf dem ich sitze, ist so hart, dass ich mehrfach hin- und her rutschen muss, da ich das Gefühl habe, dass das harte Holz meine Sitzbeine durchbohren könnte. Dieser Stuhl hier gibt einem das Gefühl, möglichst unerwünscht zu sein, seine Verweildauer möglichst auf ein Minimum zu begrenzen.
Meine Jacke habe ich angelassen, zugeknöpft. Auch wenn Juli ist. Sie ist mein Panzer gegen den Raum.
„Wie bitte?“, frage ich. Meine Stimme klingt leise, fast entschuldigend.
„Ein Strick“, wiederholte er, tippte ungerührt weiter und sah beiläufig auf seine Armbanduhr.
Klack.
Klack.
Klack.
Was auch immer er tippen mochte, während ich nichts sagte.
Er sah so aus, als habe es gestern Abend Germknödel mit Vanillesoße bei ihm zu Abend gegeben. Ich wusste nicht, wie so jemand aussah, bei dem es so etwas zum Abendessen gab. Aber in meinen Vorstellungen war das so. Oder aber Rosmarinkartoffeln vom Backblech mit einem medium Steak vom argentinischen Rind, das ganze an Orangen-Senf-Soße. Vielleicht gab es auch beides bei ihm.
Ein ganz klein wenig Hunger hatte ich schon, nur eben keinen Hunger nach Leben. Also gab es auch nichts zu essen. Die Rechnung war ganz einfach.
„Oder Schlaftabletten? Springen? Haben Sie konkrete Pläne? Vorbereitungen getroffen? Wenn Sie keine akute Eigengefährdung aufweisen, kann ich Sie im Gutachten für die Krankenkasse nicht als dringlich einstufen. Und ohne dringlich werden Sie in diesem Jahr sicherlich keinen Therapieplatz mehr bekommen. So sind die Richtlinien.“
Er braucht ein Codewort. Wenn ich sage: Nein, ich will mich nicht umbringen, ich bin nur unendlich müde und spüre seit Monaten nichts mehr, falle ich durch das Raster. Dann bin ich chronisch, aber stabil. Stabil bedeutet: Kein Notfall. Kein Notfall bedeutet: Wartelistenplatz 387. Wenn ich sage Ja, ich habe den Strick schon im Keller, ruft er die Polizei und lässt mich von hier abtransportieren… auf eine geschlossene Station, auf der ich mit Tavor ruhig gestellt werde, man mir in Narkose einen Schlauch durch die Nase stopft, um mich zu ernähren. Dann werde ich dort rumliegen, eigentlich therapiebedürftig. Aber was man mit mir machen wird, ist nichts anderes als ein Konservieren. Einige Tavordosen später wird einem ein Stundenplan ausgehändigt: Lauftherapie, Ergotherapie, Einzelgespräch, Gruppentherapie. Zu keinem der Dinge kann ich aufstehen, zu allem fehlt mir die Kraft. Dann wird man mir mangelnde Mitarbeit vorwerfen, mir sagen, entweder Sie machen mit oder Sie landen wieder auf der geschlossenen Station. Dann zwingt man seinen müden Körper dazu, Elefanten aus Ton zu bauen oder einen Korb zu flechten, mit fremden Menschen am Fluss langzutraben und sich Geschichten von Menschen anzuhören, die man sich nicht anhören möchte. All dies wird man in einer Perfektion tun, man wird es abarbeiten. Ärzte werden sagen: sie ist auf dem richtigen Weg. Dann wird man entlassen, alles ist genauso schlimm, genauso schwarz in einem, wenn nicht schwärzer.
Und jetzt sitze ich hier, zerbreche mir den Kopf über meine Wortwahl. Dabei bin ich so verzweifelt, dass ich nichts möchte als einfach frei rauszusprechen. Das System zwingt mich, meine eigene Tragödie zu skalieren, das richtige Maß an Verzweiflung zu transportieren, nicht zu viel, nicht zu wenig, eben genau so, um die Bürokratie zu füttern.
Was soll ich also sagen? Natürlich habe ich dezidiert über all dies nachgedacht. Über einen geflochtenen Strick, die halten besser…Ein Juteseil… die sind robust, widerstandsfähig, in verschiedenen Stärken verfügbar, Länge fünf bis fünfzig Meter, hohe Stabilität und Reißfestigkeit, 597 kg Tragkraft, 3-schäftig geschlagen, vielseitig einsetzbar, lässt sich sogar färben, 2,95€ pro Meter, lieferbar in 1-2 Werktagen, zzgl. 5,95 € Versand, ich musste also noch nicht mal die Wohnung verlassen. Und dann wird der Paketbote klingeln, mir das Paket übergeben, nichtwissend, was er da eigentlich tut und mir noch einen schönen Tag wünschen.
Natürlich war er längst im Keller. Natürlich hatte der Postbote mich nichtsahnend angegrinst.
Fertig geknüpft. Nach Anleitung.
„Nein, habe ich nicht.“
Ich hatte nicht nur einmal darüber nachgedacht, sondern sehr viele Male.
„Ok, das heißt Sie sind stabil. Das tut mir leid, das wird nicht reichen.“
Es tat ihm nicht leid – das wusste ich. Und hätte er mir wenigstens in die Augen gesehen, hätte er die Halbwahrheit erahnen können. Aber so war ich – ich war perfekt, um durch das Raster zu fallen. Ich hatte noch so viel Fähigkeit, dies alles zu reflektieren, dass ich wusste, dass mich keine geschlossene Station aus all dem heraus holen würde. Ich brauchte einen Psychotherapeuten. Oder eine Psychotherapeutin. Dringend. Es war fünf nach zwölf.
„Wir könnten es mit Medikamenten versuchen. Oder aber die somatische Schiene, dafür muss ich Sie zum Neurologen schicken.“
„Weiß ich – dort habe ich einen Termin, am 15. Dezember. Der erste, den es gab.“
„Vielleicht könnten Sie den Radius Ihres Wohnorts erweitern, was die Suche nach einem Facharzt angeht. Sie wohnen… in… Moment.“
Seine Augen schwirren über den Laptop.
„Ah, Sie haben ja einen Doktortitel. Worin haben Sie den denn gemacht? Doch nicht etwa in arktischer Tiefseeforschung?“
Vermutlich machte er sich gerade über meine Jacke im Juli lustig.
„Medizin“, antworte ich knapp.
„So so.“ Es war ihm unangenehm, seine Worte reichten nicht für mehr.
Alle Fragen, die ihm eindeutig zeigen würden, dass ich alles andere als stabil bin, lässt er entweder gekonnt aus, vergisst sie zu stellen, oder es interessiert ihn sowieso nicht. Oder eine Mischung aus allem.
Wie sieht es in Ihrem Kühlschrank aus?
Was ist mit Rechnungen?
Gehen Sie raus?
Stehen Sie überhaupt auf?
Wie lange sind Sie schon zu Hause?
Wann haben Sie zuletzt gegessen?
Gibt es auch mehr an Kalorien als den Orangensaft, den Sie letzte Woche getrunken haben?
Weiß eigentlich irgendjemand, wie es Ihnen geht?
Man konnte innerlich sterbend vor einem Psychiater sitzen.
Er nippt erneut an seinem Kaffee, während ich nach dem Wasserglas greife, das mir seine Sekretärin hingestellt hatte. Ich hatte seit zwei Tagen nichts getrunken. Es tat gut, meinen trockenen Mund zu benetzen und das leicht sprudelnde Wasser meinen Hals hinunter laufen zu lassen und zu spüren, wie es meinen leeren Magen langsam blubbernd ausfüllte.
„Gut, ich wünsche Ihnen alles Gute. Sollten Sie es doch mit Medikamenten versuchen wollen, können Sie über mein Sekretariat einen Termin machen. Melden Sie sich im nächsten Quartal. Wegen der Überweisung. Zum Neurologen.“
„Der nächste, bitte“, höre ich im Weggehen.
Es war 13:15. In etwa einer Stunde hatte ich einen Termin bei der Hausärztin. Zwei Termine an einem Tag, das war für jemanden, der eine bleierne Schwere in sich trug, nicht leicht.
Eigentlich war es nicht meine Hausärztin, ich musste mein Auto eine halbe Stunde bemühen, um dort hinzugelangen. Selbstverständlich war auch ich im Besitz eines fußläufig entfernten Hausarztes, sofern man so jemanden „besitzen“ konnte. Aber nun kamen zwei Dinge zusammen: sein dreiwöchiger Urlaub und, was noch viel wichtiger war: ein hartnäckiger Infekt, der vor mehr als einem Jahr nicht von mir weichen wollte, schien damals sowohl meinem Körper zu viel, als auch meinem fußläufig entfernten Hausarzt. Darum suchte ich eben jene Ärztin auf – es war damals eine gute Idee und ich weiß noch, dass ich diese Praxis verlies und den Gedanken „bei schwierigen Dingen“ hierhin zurückzukommen in meinem Hinterkopf parkte.
Diese Angelegenheit war nicht nur schwierig, sie war nicht leicht in Worte zu fassen und vor allem auch schwer zusammenzufassen. Dieser Termin heute Morgen war nur eins der Paradebeispiele, wie ich seit vielen Monaten durch das System fiel. Es war längst nicht mehr nur noch fünf vor zwölf.
Mein eigentlicher Besuchsgrund bei ihr war allerdings ein ganz anderer: ich schlug mich seit geraumer Zeit mit einer Luftnot herum, die mitten aus dem Schlaf heraus nachts auftrat. Da ich keine Alpträume hatte, oder mich zumindest an keine erinnern konnte, schienen mir seelische Ursachen eher unwahrscheinlich.
In letzter Zeit war es so unangenehm, dass es nicht möglich war, dies weiter vor mir herzuschieben.
Ich hielt mir die Option offen, ihr – sollte sich die Gelegenheit ergeben – einen kurzen Abriß über meine ausweglos scheinende Lage zu geben.
Um kurz nach zwei betrat ich die Praxis. Sie war das Gegenteil dieses dunklen Gutachterbüros.
Ich saß gerade zwei Minuten im Wartezimmer, in einem gemütlichen Stuhl, da wurde ich auch schon von ihr abgeholt. Ich folgte ihr ins Sprechzimmer – der Stuhl, in welchen ich mich dort plumpsen ließ, war noch gemütlicher. Uns trennte ein Schreibtisch. Vor mir saß der erste Mensch seit Monaten, der seine Hände nicht, noch bevor ein Hallo seinen Mund verließ, auf der Tastatur eines Laptops platzierte, sondern diese ruhig auf dem Schoß gefaltet hatte. Das war ich so nicht gewöhnt. Damit war auch schon die Entscheidung gefallen.
„Was kann ich tun?“, fragte sie geduldig und sah mich an. Wie mich niemand angesehen hatte in den letzten Monaten.
Ich rutschte nervös so weit an den Rand des Stuhls, dass neben mir noch jemand hätte Platz nehmen können.
„Ich…also…wollen Sie erst mein körperliches Problem hören? Oder lieber erst in die Abgründe meiner Seele abtauchen?“
Ich war etwas verwundert über meine Formulierung, aber es kam einfach so aus mir raus.
„Letzteres… ist… also… letzteres… ist… eigentlich…. Es ist….“
„Es ist schlimmer?“, fragte sie.
„Genau.“
Die Worte sprudelten aus mir raus. Ich versuchte, so gut ich konnte, das letzte halbe Jahr zusammenzufassen. Sie wandte den Blick nicht von mir ab. Die Tränen waren nicht mehr aufzuhalten. Ich versuchte, zusammenzufassen, was sich kaum zusammenfassen ließ.
Als ich fertig war, war die Stille im Raum zum ersten Mal weder erdrückend noch niederschmetternd, sondern befreiend. Zum ersten Mal war da kein Tippen auf irgendeinem Laptop, kein sich Verstecken hinter einem Computer, kein Rezept, das parallel ausgefüllt worden ist, kein hektisches Schauen auf die Armbanduhr.
„Ich möchte Sie morgen wieder sehen.“
Das war eine gute Idee, hierhin zu fahren, dachte der kleine Rest meines gesunden Anteils in mir drin. Der, der mich aufgegeben hatte, sagte gar nichts. Vermutlich zu schwach für überhaupt irgendetwas.
Ein Jahr zuvor
Ich drehe den Schlüssel in der Wohnungstür um und lasse die massive Tür sanft ins Schloss fallen.
Das Gewicht meiner Tasche erinnert mich daran, dass mein Frühstücksbrot noch in ihr sein musste und ich es, wie so oft, geschmiert wieder mit nach Hause genommen hatte.
Viel Zeit hatte ich nicht mehr, ich war auf dem Geburtstag einer guten Arbeitskollegin eingeladen.
Ich kramte mein Käsebrot hervor, biss rein und stellte fest, dass es genauso schmeckte, wie ich mir den Geschmack eines Käsebrots nach zwölf Stunden eingesperrt sein in meiner Tasche vorstellte.
Während ich auf der trockenen Rinde herumkaute, öffnete ich die Kühlschranktür. Da stand sie: Meine selbstgemachte Limetten-Mohn-Torte. Ein wenig stolz war ich schon.
Mein Magen war, abgesehen von dem Käsebrot, so leer, dass er beinahe schmerzte, was wiederum dazu führte, dass ich mich dabei ertappte, wie ich darüber nachdachte, in welchem Winkel man sich so geschickt ein Stück der Torte rausschneiden könnte, sodass man sie anschließend wieder zusammenschieben kann, als sei nichts passiert.
Ich grinste…darüber was Hunger mit einem machen konnte.
Einige Stunden später kam ich nach vielen guten Gesprächen, kross gebratenen Grillwürstchen, bunten Gemüsesticks, herzhaftem Käse und einer fantastisch schmeckenden Torte zufrieden zu Hause an.
Das war ein guter Start ins Wochenende. -
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Nun ist das Jahr 2023 zu Ende. In und um Bremen ist Hochwasser. Wochenlang hat es geregnet.
Dann kam eine Sturmflut.
Die Sperrwerke mussten zugemacht werden. Die Flüsse im Teufelsmoor, in der Wesermarsch und dem Umland hatten keinen Abfluss mehr.
Das Wasser stieg.
Noch halten die Deiche.
Aber viele von uns haben ganz realistische Ängste um ihr Hab und Gut, bei vielen stünde das Eigenheim bei einem Deichbruch unter Wasser.
Man kann nur hoffen, dass das nicht passiert.
Der Klimawandel schreitet voran. Seit über 30 Jahren weiß man das, aber es wird wenig getan, um die Klimakiller zu minimieren. Aktuell wird in Deutschland zu über 50% mit Kohle Energie erzeugt.
Das mag man kaum glauben, und das ist sehr traurig.
Anstatt sich um die CO2 Emissionen zu kümmern, lügen wir uns in die Tasche.
Als wir im November auf die Kanarischen Inseln flogen, las ich im TUI-Fly Prospekt, der Flug sei CO2 neutral.
Der Passagier liest das, und er lehnt sich entspannt zurück.
36 Tonnen Kerosin werden bei diesem Flug verbrannt. Natürlich zu CO2 und H2O. Das wissen wir doch, wir hatten doch Chemie. Klimaneutral ist das nicht.
CO2 neutral ist das angeblich deshalb, weil die Fluggesellschaften Ausgleichszahlungen leisten. Emissionshandel heißt das. Man könnte es auch Ablasshandel nennen. Den kennen wir aus der katholischen Kirche.
Wie absurd das ist, kann man sich am Beispiel des Zigarettenrauchens klar machen: Als der Flugverkehr zu boomen begann, machte man sich um Klima und CO2 genau so wenig Sorgen, wie um Lungenkrebs. Damals wusste man es noch nicht besser.
Heute dagegen ist der Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs bewiesen und so eindeutig, dass man es auf jeder Schachtel lesen kann. Wenn die Zigarettenindustrie genauso verfahren würde wie die Fluggesellschaften, stünde auf einer Zigarettenschachtel nicht: Rauchen macht Krebs, sondern vielleicht: Rauchen Sie tumorneutral und machen pro Woche eine Stunde Sport. Als Karzinogenkompensation gewissermaßen.
An diesem Beispiel wird deutlich: Beim Fliegen lügen wir uns in die Tasche, beim Rauchen hat das aufgehört.
Und solange wir in die Tasche lügen, wird das Klima immer wärmer, es verdunstet immer mehr Wasser und damit regnet es mehr.
Die Hochwasser werden immer schlimmer, und die Deiche immer weicher. Und irgendwann werden sie brechen. -
Anfang 2010 gab ich der Zeitschrift medintern eine gedrängte Zusammenfassung dessen was man damals über das Syndrom dachte. Sie stand unter dem Titel „Aus der Taufe gehoben: Das Fibromyalgiesyndrom – jetzt eine richtige Krankheit?“ (1/2010, 21 f.). Schlaglichtartig referierte ich den Konsens der Fachgesellschaften sowie der S3-Leitlinie, die bis 3/2011 gelten und dann vollständig revidiert werden sollte. Das Krankheitsbild wurde zum Weichteilrheumatismus gezählt. Namhafte Rheumatologen, V. R. Ott und Klaus L. Schmidt, an der Klinik und dem Institut für Physikalische Medizin, Balneologie und Rheumatologie der Universität Gießen in Bad Nauheim[1] hatten mir die notwendige rheumatologische Basis vermittelt. Darauf konnte ich bei den Erfahrungen mit Fibromyalgie-Patientinnen aufbauen. Das Syndrom ging mit großflächigen Schmerzen, die sich über mehrere Körperregionen und einen Zeitraum von über drei Monaten erstreckten, einher. Dazu kamen vegetative Symptome und verschiedene psychische Störungen. Im Gegensatz zu den oft als unerträglich empfundenen Schmerzen waren die Labor- und Röntgenbefunde völlig unauffällig. Medikamentöse Therapieversuche endeten oft enttäuschend. „Polymodale“ Konzepte und „multidisziplinäre“ Behandlung wurden empfohlen, nicht ohne vor den Gefahren der Polypragmasie zu warnen. Die Patientinnen waren darüber zu informieren, dass ihnen zwar im Rahmen der Fibromyalgie keine Organschäden drohten, ihre Beschwerden aber real und sehr langwierig seien[2]. Eine Patientin wurde geradezu abhängig von meinen lokalanästhetischen Infiltrationen und war nur mit großer Mühe von ihrem beständigen Drängen abzubringen.
Nun berichtet – den Göttern sei Dank! – das Hessische Ärzteblatt 6/2023, 351 vom Paradigmenwechsel bei chronischen Schmerzzuständen…
Die Rede ist von chronischen Schmerzen in mindestens drei oder mehr Körperquadranten (obere/untere/linke/rechte Seite des Körpers; im Achsenskelett Nacken, Rücken, Brust, Bauch) unter Betonung psychischer und sozialer Faktoren. Das Fibromyalgie-Syndrom sei nicht nur aus der Gruppe der rheumatologischen Erkrankungen verschwunden sondern als Begriff im ICD-11 nicht mehr zu finden. Künftig befindet sich das chronische ausgedehnte Schmerzsyndrom bei den primären Schmerzzuständen (MG30.01). Damit werden wir vorläufig leben können, auch mit dem Begriff Körperquadranten. Die Beschreibung dieser Regionen ist jedoch in einer so heillos infantilen Diktion abgefasst (obere/untere/linke/rechte Seite des Körpers) dass ich mich gezwungen sehe, eine Revision des ‚medizinischen‘ Sprachgebrauchs zu empfehlen.
[1] Später Kerckhoff-Klinik, Abteilung Rheumatologie.
[2] Da schaute dem erfahrenen Diagnostiker der eigene Zweifel am real existierenden Krankheitsbild aus allen Knopflöchern, Klaus L. Schmidt (Checkliste Rheumatologie, Stuttgart – New York 2000) 368-373 .
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Mit beiden Daumen hielt er die Ohren zu
mit beiden Zeigefingern die Augen
Den Kopf heftig schüttelnd
bestritt er die Existenz
dieser und jener Gegebenheit
beschimpfte helle Köpfe als Spinner
und ruinierte seine eigenen Lebensgrundlagen
Folgerichtig fiel er krachend auf die Schnauze
Seine große Schnauze ist weiterhin
eifrig im Einsatz
Applaus und Lob erntet er bei Menschen
die schmachvoll
sich selbst entmündigt haben -
Ein Ereignis in Mailand auf der UMEM Tagung in Crema, Italien, 15.09.2023
Das reale Geschehen
Man steht allein in einer Stadt
Jede Kenntnis sich verloren hat
Das Taxi schnell das Weite sucht
Es ist für Fragen nicht gebucht.
Der Fahrer drängt und schweigt
Auf die Busse in der Ferne zeigt
‚Dein Heimatbus wird jetzt dort sein
Lauf da hin und steige ein‘.
Was tust du dann, du armer Wicht?
Zu den Bussen laufen? Oder nicht?
Drei Behinderte, dir anvertraut
Sind nicht für diesen Weg gebaut.
Sind vor Schmerzen krumm und krank
Setzen sich auf eine Bank
Waren auf den Schicksalsschlag
Auf Hilfe, die da kommen mag.
Du aber denkst für den Gesunden
Ist es Pflicht, sich zu erkunden
Wo steht der Bus, der sich bewegt,
Der sicher sie nach Hause trägt.
Sieben Busse warten, stehen frei.
Der richtige ist nicht dabei.
Nach dem Befragen, dem Erkunden
Sind die Kranken weg, verschwunden.
Hat sie das Klima fort getragen?
Schlug ihnen Warten auf den Magen?
Waren sie vor Angst am Zittern
Im sozialen Netz am Twittern?
Du weißt nicht was geschehen.
Sie sind nirgendwo zu sehen.
Du setzt dich auf die gleiche Bank.
‚Bist du verrückt und gleichfalls krank?‘
Noch während man sich quält und fragt
‚Warum hast du so klar versagt?‘
Kommt von der Ferne dieser Schrei:
‚Hurra, da ist er, gesund und frei!
Er war aktiv. Ward nicht krank!
Er blieb gesund. Gott sei Dank!‘
Die innere Vorstellung
Sie hatten Angst. es waren drei.
Hilfe Betteln war dabei
Der Teufel hörte ihr Geschrei
Sei ihnen Retter wie dir sei!
Jedoch der blinde Teufelsfleck
In meinem Herzenseck
Warf mich in den Straßendreck.
Warf mich plötzlich einfach weg.
Keine Kommunikation
Keine Sicht, kein Telefon
An der Bushaltestation
Kein Avatar mit Finderlohn.
Kein Gefühl blieb mir im Lot
Sogar im Bustouristenboot
War nichts bekannt von all der Not
Als wär mein Leben schon wie tot.
Die Sonne griff zum Tagesrand
Bewegung über Stein und Sand
Schmerzt in jedem fremden Land.
Bleib sitzen sagte mein Verstand.
Die Hoffnung war schon am verwehen
Ein Wunder musste jetzt geschehen.
Wunderbar ward ich gesehen.
Durfte zu den Lieben gehen
Sie zu sprechen, zu verstehen.
Hurrah, schreit es, Hurrah! Hurrah!
Ist er es? Ja, na klar, ganz nah!
Ich bin es! Bin wieder da!
Sehr nur, wirklich wieder da!
So kräht der Hahn von seinem Mist
Moral ist stets ne Teufelslist
Um Hilfsbereitschaft vorzugaukeln
Dich dann in Höllenangst zu schaukeln. -
Es trägt den Untertitel „Eine wechselvolle Biografie“, weil ich darin nicht wie vielleicht erwartet eine chronologische Aufzählung meines Lebens verfasst, sondern einzelne nach Themen geordnete Ereignisse und Gedanken beschrieben habe. Die Kapitel sind mit Biografisches – Medizin – Essays – Musik – Geschichte, Religion und Politik überschrieben. Das Buch ist bei Seemann Publishing erschienen. Das ist der Verlag von Rainer Andreas Seemann, der auch den Almanach deutschsprachiger Schriftsteller herausgibt. Rainer Seemann hat in seinem Blog eine ausführlichen Artikel über das neue Buch geschrieben, den Sie hier lesen können. https://rainer-seemann.de/wordpressII/dietrich-weller-schluesselerlebnisse./ Das Buch ist bei AMAZON als Hardcover, Taschenbuch und eBook erhältlich. (https://dietrich-weller.de/)

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Ich bin das Tier der Nacht
Und wie ein Ding so tot
Gefangen und bewacht
Mit Gottes Zorn bedroht
Ihr seid des Tages Herren
Tragt Schlüssel, Strick und Beil
Würd ich an meinen Fesseln zerren:
Euch wär’s, als böte ich mich feil
Und wäre dann erst recht verachtet
Gebraucht, zu büßen eure Lust
Mein Leib: mit eurem Geist befrachtet
Hat euer Gott hiervon gewusst?