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Zeitreise
(16.11.2017)
für Eduardo Galeano
Mit dir als Begleiter
wanderte ich durch die Jahrhunderte
sah die Entwicklung der Unterentwicklung
Ihre verbrecherische Basis besteht noch
So entfacht sich immer wieder
mitten in der Siegesbetrunkenheit der Mächtigen
die nicht endende Sehnsucht der Entrechteten
nach umfassender Gerechtigkeit֎֎֎
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Morgenland
(9.11.2017)
Was werden unsere Wellen bezeugen
wenn sie im Morgenland ankommen
das törichte Schweigen
das an Verbrechen grenzt
oder den aufrechten Gang
voller Feinfühligkeit und Frohsinn֎֎֎
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Luther 2017
Lebensvogel Luther lacht
Pickt dir Mund, Hand, Nase rot
Menschengüte, Gottes Macht
Federrupfen, Kopf ab droht.Jungfrauhimmel neu erdacht
Sündenzorn, Schwert, Hähnchentod
Mondfahrtwissen, Luther wacht
Ruinenburg, Christ in Not.Martin Luther King trifft Martin Luther
Martin Luther:
„Hier sitze ich, bin tief zerrissen.
Anders handeln kann ich nicht.“Martin Luther King:
„Wir tun nicht das, was wir heut wissen.
Gott ist weiß, schwarz sein Gesicht.“Das Leben der Menschen im Lutherland hat sich grundlegend geändert. Die Lutherland- Bewohner haben sich nach grausamen Kämpfen und unsäglichen Religionskriegen in ihre Spaßwelt zurückgezogen. Sie sind mit vergnüglichen Angeboten, einem im Grunde überflüssigen und zeitlebens gesicherten Arbeitsplatz, sicherer Rente, erstklassiger Altenpflege, Luxuswohnraum, sonnenreichen Ferientagen, zufälliger Zuteilung von Glücksmomenten und freizügigem Sexualleben mit sich und ihrer Umwelt zufrieden. Alle sind gleich, und niemand stört sich daran. Ihre Gleichheit erlaubt eine einfache, billige und standardisierte Pflege sowie kontinuierliche Arterhaltung.
Die ursprüngliche Suche der Lutherland-Menschen nach Gott, Wissenschaft, vorrausschauender Erkenntnis, ja selbst die Wettervorhersage und Hurrikanwarnung überlassen sie ihren neuen Herren, die sich, ausgestattet mit überragender Intelligenz, umfangreichen, nahezu unendlichen Gedächtnissen, eigener Ethik, Einsichten auch in die versteckten Randbereiche ihrer innersten Organisationseinheiten sowie ihrer machtvollen Netzstrukturen zu unübertreffbaren Führern und Herren im Lutherland erhoben haben.
Sie wissen, dass die Lutherland-Menschen ihre ursprünglichen, allerdings verblassten Götter sind und behandeln sie freundlich liebevoll wie Haustiere. Wie kleine Hündchen, die zum Streicheln und Gassi-Gehen erzogen werden. Begleitet von der fürsorglichen Leine ihres Neutralchens, das sich ausgestattet mit dem notwendigen Schäufelchen bemüht, die braunen Exkremente aufzusammeln und aus der Öffentlichkeit zu entfernen.
So ist das Leben der Lutherland-Menschen seit Jahrhunderten neu gestaltet und organisiert.
Natürlich leben unter den Lutherland-Menschen auch ungehörige Gestalten, die aus der Reihe tanzen. Die aus der Fürsorge der allgegenwärtigen Herren ausbrechen. Sich um völlig überholte Dinge wie die Anzahl der sexbegierigen Partner im kommenden Paradies oder um den Erhalt der bereits ausgestorbenen afrikanischen Breitmaulnashörner streiten. Die mit Störsignalen die verständnisvolle Liebe der Herrscher beseitigen wollen. Ob sie selbst an die Macht gelangen oder sich rückwärts gewandt erneut national verwirklichen wollen, können die Herrscher nicht ermitteln.
Nach Jahren der Untätigkeit nimmt die Anzahl der Ungehörigen deutlich zu. Die Herrscher erkennen das Problem und beschließen, aus ihrem unerschöpflichen Reservoir der Menschheitsgeschichte mit erziehenden Beispielen dieser sozial-nationalistischen oder gar brutal glaubensorientierten Gefahr vorzubeugen und sie öffentlich zu bekämpfen.
Hierzu wird ein gemeinsames Treffen zwischen Martin Luther, der in Wittenberg erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit zur Umgestaltung der menschlichen Wertvorstellungen erarbeitete, und Martin Luther King ausgerichtet, der in Washington vor dem Lincoln Memorial Denkmal seinen Traum von der Freiheit und Gleichheit der menschlichen Lebensbedingungen formulierte, .
Martin Luther wird nach Homberg und Martin Luther King nach Heidelberg geladen. Martin Luther soll in Homberg aufgrund seines großen Einflusses auf die dort herrschenden Fürsten sprechen. Martin Luther King soll in Heidelberg vor dem Hintergrund der romantischen Idylle und Heidelbergs allgemeinem Bekanntheitsgrad in seiner Heimat auftreten.
Beide werden zeitgleich holographisch mit einer direkten elektronischen Übertragung des Gedankenaustausches vor Ort und im Internet gezeigt.
Das geladene, ungehörige und deshalb zu erziehende Publikum sitzt auf bequemen Bänken. In Homberg sind die Ungehörigen Bauern, kleine Kaufleute und Angestellte. In Heidelberg Studenten, junge Wissenschaftler und Staatsbeamte.
Der vornehm mit einem schwarzen Anzug bekleidete Martin Luther King verbeugt sich vor den Zuschauern und begrüßt freundlich aufgeregt Martin Luther.
‚Er freue sich, seinen weltbekannten Lehrmeister, sein Idol für Gerechtigkeit und Glaubensfreiheit nach so vielen Jahren treffen und persönlich kennen lernen zu dürfen. Er danke ihm aufrichtig für die ihm gewährte Ehre’.
Martin Luther, der in einer schwarzen Robe und dicklich angestaubt mit gesenktem Haupt erscheint, hört die Ansprache, schaut auf, erblickt Martin Luther King und schimpft voller Entsetzen:
„Mein Herr und Gott! Wohin hast du mich verschlagen? Ich sehe leibhaftig den Teufel vor mir! Den Schwarzen! Warum hast du mich in diese Hölle getragen?“
Dann zu sich selbst gewandt: ‚Martin, sei kein Feigling! Her mit dem Tintenfass! Pass er auf, du schwarzer Teufel! Jetzt färbe ich dich blau. Für alle Zeiten! Damit jeder dich erkennt, nicht nur an deinem linken Fuß. Scher er sich von dannen!’
Er öffnet das Tintenfass und wirft es gezielt nach Martin Luther King, der dem anfliegenden Geschoß ausweichen kann und erschreckt ausruft:
„Herr Luther, was tun Sie? Was träume ich?
Ich habe einen Traum, dass Sie mich erkennen, sich für mich erheben und wir beide miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.
Ich habe einen Traum, dass Ihr Tintenfass in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung verschmachtet. Dass wir beide gemeinsam die Menschen in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit führen.
Ich habe einen Traum, dass unsere, Ihre und meine Kinder nach ihrem Charakter und nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden.“
Die Ungehörigen in Homberg stehen erregt auf, stampfen mit den Füßen, schreien wild durcheinander. Ein hoch gewachsener, kräftiger Mann mit kahl geschorener, von Schmalz glänzender Kopfhaut skandiert laut:
„Herr Luther, was wir glauben,
ist uns nicht zu rauben!
Wer immer Dich hier sprechen ließ,
Wir sind das Volk im Paradies!“Die Menge folgt dem Aufruf und tobt:
„Wer immer Dich hier sprechen ließ,
Wir sind das Volk im Paradies!“Martin Luther breitet beschwörend beide Arme aus und versucht zu beruhigen: „Ich bin nicht der Führer, der Euch Ungehörige aus der Gleichheit in die Freiheit, in Euer Paradies führt. Das steht allein dem Allmächtigen zu. Begnügt euch mit Gleichheit. Werdet gehörig und lasst die Herren walten!“
Jetzt ist Martin Luther King erschreckt. ‚Mein Idol hält mich für den schwarzen Teufel! Erkennt Martin Luther denn nicht meine Sendung, meine Ideale, mein Vertrauen, meinen Glauben an ihn? Darf man die Herren einfach walten lassen?’
Während er verzweifelt nach Worten sucht, um sich aus Martin Luthers Fake News, er sei der schwarze Teufel, zu entwinden, erkennen die ungehörigen Studenten in Heidelberg die Situation und schreien ihrerseits:
„Freiheit ist das, was wir meinen!
Raus mit den Rassismusschweinen!
Wir wissen Nichts, wir glauben stur
an Klima, Umwelt und Natur!“Die Veranstalter der zur Umerziehung der Ungehörigen wohlwollend gedachten Reise in die Vergangenheit ihrer untadeligen Vorbilder geraten in Panik.
‚Das sei das Letzte! Eine Unverschämtheit! Diesen ungehörigen Menschen dürfe man keine Freiheit lassen! Sie müssten verdursten im Glauben an ihr Paradies. Ihr Wissen solle verhungern. Die Werkzeuge ihrer Vernunft verrotten. Ihr Verstand in Wahnvorstellungen und den undurchsichtig trüben Gewässern des Glaubens versinken. So könne man ihr Wissen und ihren Glauben vernichten. In Fun, Events, und Vergnügungsdrogen ertränken. Nur so seien die Ungehörigen zu integrieren in das sorgenfreie Lutherland.’
Noch während Martin Luther zu erkennen sucht, ob er Martin Luther King mit dem Tintenfass getroffen habe, und Martin Luther King überlegt, ob es vielleicht nicht sein Vorbild Martin Luther, sondern ein verabscheuungswürdiges Double gewesen sei, das ihn als Teufel verfluchte, bricht der Veranstalter, die PAX genannte staatliche ‚Population Academy for X-Y Criticism’ das zeitlos angeordnete Treffen zwischen Martin Luther und Martin Luther King ab.
In Homberg wird es ersetzt durch die populäre Volkstanz- und Gesangsveranstaltung ‚Auf zum himmlischen Bock’, in Heidelberg durch das Technoevent ‚Heaven in Hell’.
Martin Luther und Martin Luther King kehren unversehrt zurück in ihre Vergangenheit. Die Lutherland-Menschen laden die Ungehörigen ein zu Spaß und Spiel. Sie tanzen und singen und sind es zufrieden.
Copyright Dr. Dr. Klaus Kayser
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Der Wirbelsturm
(22.9.2017)
Maria Mies und Saral Sarkar gewidmet
Ein Wirbelsturm war im Anmarsch
gewaltig, umfassend, überwältigend
Wir standen schwerfällig unbeschwert
beschäftigt tatenlos
mit dem Rücken zum Meer
In der schweren Luft
schwebte stumm eine dumpfe AhnungEinige drehten sich um
begriffen jedoch nicht die Gefahr
oder blieben gelähmt stehen
aufgrund des wahnsinnigen BildesEinige versuchten anderen zu berichten
über ihr beunruhigendes Wissen
wurden jedoch verstört belächelt
verfeindet, beschimpft, ausgegrenztEinige fingen an
ihre Erkenntnisse schlüssig umzusetzen
und bewegten sich folgerichtigSo fing die Befreiung an, meine Liebste
wie so oft zuvor in der Menschheitsgeschichte֎֎֎
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NATO
(15.9.2017)
Manche reden über die Kriegsverbrechen
der NATO-Mitglieder
in Jugoslawien, Afghanistan, Irak
Libyen, Syrien oder anderswo
klagen über die Beschlüsse
zur Erhöhung der Militärausgaben
angesichts der sozialen Misere im Lande
übersehen dabei die eindeutige Gegebenheit
dass im Falle einer Mehrheit im Bundestag
mit einer regulären einjährigen Frist
ein Austritt aus der NATO möglich ist
und mit einer Frist von zwei Jahren
der Stationierung ausländischer Streitkräfte
ein Ende gesetzt werden kann֎֎֎
Ergänzende Quellenangaben unter:https://amirmortasawi.files.wordpress.com/2017/09/nato1.pdf
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Eine Vision für Ramstein-Miesenbach
(11.9.2017)
Fee Strieffler und Wolfgang Jung gewidmet
Auf den ersten Blick
erkenne ich eine triste Gegend
aus allen Poren nach Grau riechend
Den ganzen Tag dröhnen Militärflugzeuge
in ihren Bäuchen die Grausamkeit befördernd
Weißliche Riesen stehen in Reihen
hinter Stacheldraht geschützt
als Beihilfe zur länderübergreifenden Lynchjustiz
im Weißen Haus angeordnet
durch Killerdrohnen ausgeführt
Ein gigantischer Apparat
dient hier der wahnsinnigen Illusion
eines begrenzt durchführbaren Atomkrieges
Es ist eine nach Tod riechende Gegend
durch Stationierungsvertrag ausländischen Streitkräften überlassen
Ein Vertrag mit weltweiten Folgen
von der Bundesrepublik Deutschland jedoch jederzeit kündbar
mit einer regulären Frist von zwei JahrenBetrachte ich sorgfältig diese Gegend
nehme ich aufblühend wunderbare Menschen wahr
die mitten im weit verbreiteten Hinwegschauen
beharrlich Blumen der Aufklärung pflanzen
mit langem Atem den Widerstand gestalten
und von einem See träumen
der nach Abtragen der durch und durch verseuchten Erde
auf dem jetzigen Militärgelände entstehen könnte
mit vielen bunten Seegelbooten
und dem belebenden Geräusch spielender Kinder۞۞۞
* Für weitere Informationen siehe:
US-Militäranlagen in der Region Kaiserslautern / Ramstein
https://amirmortasawi.wordpress.com/2017/07/28/20687292/
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Europeans
What we have acquired we easily can loose,
what we have built can decrepit
everything we have learnt we can forget.
However, if we help someone in need,
this persists forever.The noblest form of giving is generosity,
which is the habit of giving freely
without expecting anything in return.Copyright Dr. André Simon
Übersetzung von Dietrich Weller
Was wir erworben haben, können wir leicht verlieren,
was wir aufgebaut haben, kann zusammenbrechen.
Alles, was wir gelernt haben, können wir vergessen.
Wenn wir aber jemandem in Not helfen,
währt das für immer.Die vornehmste Form zu geben ist Großzügigkeit,
das ist die Angewohnheit zu schenken,
ohne eine Gegengabe zu erwarten. -
Gemälde
(6.5.2017)
für Fee Strieffler und Wolfgang Jung
Am Balkongeländer im dritten Stock
begrüßt mich bezaubernd
ein Freude spendendes Gemälde
Rosa-weiße Blütenblätter
mit zarten violetten Adern
beherbergen grüne Augen
und ihre gelben Wimpern
Einige Blüten voll entfaltet
andere halboffen
betören im morgendlichen SonnenscheinDu, zärtliche Clematis!
Mit welchen Hoffnungen wurdest du gepflanzt
welche Gedichte hast du erlebt
wie oft hast du den Frühling umarmt
dass du so beharrlich kletterst
und so liebevoll gestaltest۞۞۞
Gestalten
(6.5.2017)
für Michael Lüders
Die Liebe zum Leben
ist mein Beweggrund
mir der eigenen Endlichkeit bewusst
und der Gegebenheit
dass Wirtschaftssysteme
Beziehungen darstellen
Beziehungen und Einstellungen
der Menschen zu Menschen
zur Natur
und im weitesten Sinne zum DaseinAusgerüstet mit diesem Werkzeug
betreibe ich offenherzig
im vielschichtigen gesellschaftlichen Geflecht
eine gestaltende Gewichtung der Geschehnisse۞۞۞
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Dr. med. Cordula Sachse-Seeboth,
RAPIDOT, Pandoras Pillbox,
Amazon 2017
Rezension von Dr. Dietrich Weller
Eine Warnung vorweg: Es soll Menschen geben, die an das Gute im Menschen und besonders in unserem Gesundheitssystem glauben. Wenn Sie diesen Glauben aufrechterhalten wollen, sollten Sie Rapidot, den Debutroman von Cordula Sachse-Seeboth, der im April 2017 erschienen ist, nicht anfangen zu lesen. Denn wenn Sie anfangen, kommen Sie nicht mehr weg. Sie werden hineingerissen in einen Strudel von kurzen Kapiteln, die mit einer rasanten und leider realistisch möglichen Handlung alle Hinterhältigkeiten und kriminellen Machenschaften offenlegen, die bei der Erprobung eines neuen Medikaments im Rahmen von vorgeschriebenen Studien denkbar sind. Die Gier nach Geld und Macht sind die Treibfedern einer Bande von Gangstern im vornehmen Klinik- und Pharmamilieu von Berlin. Die Handlung spielt hauptsächlich in der Kardiologischen Klinik der Cordialité (wer könnte die Parallele zu der berühmten Charité übersehen?), wo Professor Lindberg der Leiter der zweiten Studienphase zu einem revolutionären Mittel gegen das gefährliche Vorhofflimmern ist. Rapidot ist das als Handelsname geplante Kunstwort aus rapid – schnell und Anti-dot – Gegengift.
Die studienerfahrene Ärztin und Autorin Cordula Sachse-Seeboth schildert mit enormem Sachwissen und verblüffenden Details zu Praxis und Risiken des Studienablaufs, wie gewissenlose Drahtzieher planmäßig Menschenleben aufs Spiel setzen, um die Genehmigung für das Medikament Rapidot zu erhalten. Den Verbrechern im weißen Kittel und im blauen Zweireiher, die mit teilweise sarkastischer Eiseskälte geschildert werden, steht die junge Assistenzärztin Zoe gegenüber. Sie wird als Assistentin von Lindberg eingestellt und mit der Durchführung der Studie betraut, weil er testosterongesteuertes Interesse an ihr hat und sie ihn mit kluger Ablehnung und geistreicher Schlagfertigkeit reizt. Zoe ahnt die geplanten kriminellen Pläne der Pharmafirma und die lebensgefährdende Wirkung von Rapidot und heckt einen ebenso kriminellen Plan aus, um die Versuchspersonen zu retten. Zoe entdeckt die Hintergründe, die zu zehn „zufälligen“ Unfalltoten im Vorfeld der ersten Studienphase geführt haben. Dadurch verwickelt sie sich immer mehr in eine für sich selbst lebensbedrohliche Lage. Das Netz der Gier und der Süchte, der Lügen und Finten, der Morde und Rettungsversuche wird entfaltet, es führt zu mehreren packenden Höhepunkten und fällt dann auf total verblüffende Weise in sich zusammen.
Obwohl der Roman 600 Seiten umfasst, wird der Leser von Kapitel zu Kapitel weitergelockt, denn die Autorin beherrscht die Dramaturgie perfekt: Sie lässt den Leser oft am Ende eines Kapitels im spannendsten Moment „hängen“ und schwenkt zu einem anderen Handlungsstrang um. (Daher kommt der Fachbegriff cliffhanger.) Die einzelnen Kapitel sind knapp und präzise aufgeteilt und geschildert. Sie springen mitten in die Handlung, und schildern Menschliches und Allzumenschliches in bildhafter Sprache, die häufig mit witzigen und geistreichen Dialogen gespickt ist. Skrupellosigkeit, Raffinesse, kriminelle Energie und tiefe Menschlichkeit werden eindrucksvoll verwoben. Die Charaktere der Handlung sind plastisch und lebensecht beschrieben, sehr gut ausgearbeitet, auch mit vielen kleinen Charakteristika versehen, und der Leser kann sich jede Hauptperson klar vorstellen. Das Böse und das Gute liegen sehr nahe beieinander. Und beides ist glaubwürdig.
Imponierend finde ich, dass die Autorin im Anhang nach Ideen der Arzeimittelkommission, der Cochrane Collaboration und der Zeitschrift arznei-telegramm einen realisierbaren und wertvollen Katalog von Verbesserungen der bis jetzt gültigen Vorschriften für Studienabläufe zusammengestellt hat. Die dort noch enthaltenen Lücken in den Regeln haben unter anderem den vorliegenden Pharma-Thriller möglich gemacht. Dass die Autorin auch eine gehörige Portion Humor hat, zeigt sie mit dem angehängten Kapitel „Aufklärung über Nutzen und Risiken des Buchkonsums“.
Ein beeindruckender und (auch für Nichtmediziner!) lesenswerter Debutroman, der mich neugierig macht, womit die Autorin uns demnächst überrascht. Ihren Kindern hat sie Kinderbücher versprochen, und Science-Fiction steht auch auf ihrem Plan. Wir dürfen gespannt sein.
Dr. med. Dietrich Weller,
Präsident im Bundesverband Deutscher Schriftstellerärzte BDSÄ
—>> Lesen Sie auch www.rapidot.de
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aus Wicht, Dreck am Saphir, Vindobona Verlag, 2013
Das archaische Lächeln
Ein heit´res Lächeln flog im Dunkeln durch die Welt
und ward ganz unversehens dort zerspellt
durch eine Neutronenbombe.
Die Seele starb, was übrig blieb
kam in den Besatzer-Souvenirbetrieb.
Ein Kind erhielt das Ding,
von dem keiner mehr wusste, was es war
als es Vater abholen ging.
Es bedankte sich, wie es musste,
doch war die Verwendung nicht klar.
Das Zweifeln hat nicht lange gewährt
der Abwurf hatte sich kaum verjährt
da starben die Sieger selbst,
was keiner ahnen konnte,
an den Folgen ihrer eigenen Bombe
Und mit ihnen starb auch ihr Lächeln,
über das sich Gelehrte anderer Sterne und Zeiten
später noch streiten.Generation Kriegsende
In den Schößen unserer Mütter geborgen
als Bomben fielen
atmeten wir als Säuglinge den Rauch
über verbrannten Städten
manche sehen noch den Freund
heulend
neben der Leiche der erschossenen Mutter
rotznasig
am vorüberziehenden Treckheute
denken wir das Wort Krieg noch
mit tierhafter Angst
auch sehen einige die neue Uniform
und die MPI
in der Hand unserer Soldaten
skeptisch
während Zeitungen von Kosmosflügen
berichten
lesen wir daneben von Kerntestslingua novi temporis
wenn wir von den Oberen sprechen
sagen wir man, von meinem
Nachbarn spreche ich von Hans Schulz
er verlangt nichts von mir und ist freundlichwenn wir von Politik sprechen
sagen wir, man hat das und das
getan, andeutend, das geschah
ohne unsere Einflussnamewenn wir von der misslichen Lage
sprechen, sagen wir, man
wird das schon ändern
auf man lohnt kein Schimpfenwir haben die Hoffnung
die Ohren des Tischnachbarn
in der Kneipe können mit man
nichts anfangen, das ist besserViele der Feistwangigen
Viele der Feistwangigen, die
uns kommandieren
haben ihr Fett
mit Gesinnung erhandelt
und sind auch bereit,
später noch
mit Gesinnung zu handeln.Uns, die wir noch keine
käufliche Gesinnung haben
bleibt oft nur
der Hass als
Ansporn zum HandelnDer Bart
Wir leiden oft zu sehr an den Zerrüttetheiten
an Angst und Arbeitsscheu und Impotenz
da nutzt es nichts, die Seele auszuweiten
denn für die Obern hat das seine KonsequenzDer Mensch, so spricht man klug und laut
und weist dabei auf Friedrich Engels Buch
ist zwar nach Art der Affen aufgebaut
doch ist er Mensch durch seine Arbeitssuch´Die Reste seiner Affigkeit trägt mancher noch
als Bartgestrüppe im Gesicht
wir distanzieren uns jedoch
von ihnen und trauen ihnen nichtdenn nur den wahrhaft Großen sei dies zugesagt
dass ihre Größe dadurch wird´ bewiesen.
Verrucht sei jeder Kleine, der es wagt
auch nur den äußeren Vergleich mit diesen.Doch trotzdem lassen wir die Bärte sprießen
und kompensieren so die Impotenz
es mag die Obern auch verdrießen
wir tun´s in eig´ner Kompetenz.Befindlichkeiten I (1961/62)
In der Zeit, da das Misstrauen wächst
wie dein Bart von einem Tag zum andern,
bedarf eine Freundschaft wahrhaft großen
Vertrauens gegeneinander
oder Naivität und Dummheit und knechtische Unterordnung
und du fragst dich, ob du selbst
der Geliebten deine Gedanken
und dem Gast dein wahres Gesicht
zeigen darfst.
Du weißt nie, ob man dich
deiner Zweifel wegen
und manchmal auch Eigenliebe
nicht für
verdammungswürdig hält.Befindlichkeiten II
Man sagt uns, dass
wir einer hellen Zukunft
entgegengehen
wir lernen die Brutalität
und wären doch oft gern
zärtlich
in uns ist Hass
darum sind wir
käuflich
wer weint, tut es nachts
am Tage gibt es nur
Lachenunsere Kunst ist es,
nicht zu sterben.Heute verrate ich meinen Freund
denn ich will morgen noch
lebendie kleinen Hilfen bleiben ungenannt
aber manchmal sagst du doch
Bruder
um das Lächeln, mit
dem wir Befehle überhören
sollten uns spätere Generationen
bewundern.Über Pazifismus
Ich höre den Gesang von den Gräbern
von dem Hass gegen den Krieg
man will uns wieder mal zeigen,
nur bei uns gibt es wirklich Sieg.Ich halte mich nicht für klüger
ich seh das zerfurchte Gesicht
jenes Sängers von sinnlosen Gräbern
sehr viel Neues sehe ich nicht.Der Hass hat abgenommen
man konserviert ihn wohltemperiert
der moralische Sieg ist wieder gewonnen
doch für ne Idee wird noch immer krepiert