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Die Münze auf dem Weg
Heute Morgen
auf dem gewohnten Weg
(nur das Ziel in der Ferne
war nicht alltäglich)
gingen meine Füße von selbst
wussten wohin
meine Augen halfen
die Hindernisse im Voraus
zu beseitigenIch blickte innerlich
weder voraus
noch zurück
ich … entwirrte Gedankenfäden
– habe ich ein inneres Katzenwesen
das mit den geordneten Gedankensträngen
spielte? –Viele Fäden
hatten ihren Ursprung im Wesentlichen
wie zum Beispiel:
was ist das Böse?
Kann ich es überwinden?
Gemeinsam mit anderen?
Können wir es angstfrei betrachten?
Wo liegt der Sinn?
Ist Wandlung möglich?
Wie?Noch konnte aus den Gedankenfäden
kein brauchbares Gewebe entstehen
( brauchbar
nichts Künstlerisches)
da fragte ich mich
– oder wer war es?–
was willst du erreichen?
Ich möchte
Mut machen
helfen Ängste zu überwinden
ohne irgendwas
zu verniedlichen
ohne der Illusion
einer heilen Welt zu verfallen
Da
mein Auge sah ein kleines Blinken
der Fuß stoppte
eine Münze
verloren?
Achtlos fallen gelassen?Der Wert ist gering
und doch…
Die fünf Eichenblätter
die beiden Eicheln …
Bevor Zweifel
mein Wollen stören konnten
bin ich ermutigt worden
Welchen Wert
kann eine kleine
Ein-Cent Münze besitzen!Helga Thomas
11.3.2017
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An meine Mitmenschen, die in der Öffentlichkeit (neben mir!) telefonieren
Sie stören mich. Ihr stört mich. Vor allem wenn es nicht nur Telefongespräche sind, da gibt es ja im Allgemeinen Hörpausen, aber wenn es ausführliche Sprachmitteilungen sind… wisst Ihr eigentlich, dass Ihr Exhibitionisten seid? Das wäre nicht so schlimm, nur… was mich wirklich ärgert: ich werde gezwungenermaßen zum Voyeur! Ist das nicht auch eine Art Freiheitsberaubung? Zumindest ist es Hausfriedensbruch! Auch im öffentlichen Tram.
Gerade dachte ich, dass wär vielleicht ein Beitrag für die Lesung zum Thema: „Gehen oder bleiben“
Ja, in solchen Situationen würde ich gerne gehen, aber warum eigentlich ich? Sollte ich vielleicht dem telefonierenden Mitmenschen sagen: „Möchten Sie nicht lieber woanders ungestört reden?“ Überhaupt, die Lösung: ich fange an – nein, nicht zu telefonieren – aber zu reden, zu ihm, den telefonierenden! Oder: ich nehme mein iPhone und täusche ein Gespräch vor, ich sage in normaler Lautstärke meinem imaginären Zuhörer, wie es mir so geht, vielleicht erzähle ich ihm auch, was ich gerade gehört habe? Vielleicht – und das wäre wirklich was – regt sich dann jemand über mich auf… Und dann entsteht ein richtiger Lärm im PST – Zugabteil!
Aber vielleicht nehme ich den angebotenen Erziehungsauftrag nicht wahr, sondern übe mich neben Toleranz auch im Abgrenzen! Aber Geräusche kann ich nicht draußen vorlassen!
Ich werde gehen, obwohl ich bleibe! Ich werde die Ebenen wechseln, nicht im Zug, aber in mir. Entweder abtauchen, in die Tiefen des eigenen Unbewussten oder mich emporschwingen zu geistigen Höhen… Ja, das werde ich tun… Ich werde nachdenken, vielleicht vorausdenken, mich auf den Ort meiner Ankunft einstellen… Ich darf dann dort nur nicht vergessen, gleich zu Hause anzurufen, dass ich gut gelandet bin.
Helga Thomas
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Beitrag zur Lesung Gehen oder Bleiben auf dem BDSÄ-Kongress 2017 in Gummersbach
Zähne, die fehlen
Ein Zahn, der beißt, der tut nicht weh,
ein Zahn, der nicht mehr beißt, tut doppelt weh.
Ist es mit Zähnen wie mit Partnern?
Sie machen Schmerzen, bis man sie bekommen hat,
sie machen Schmerzen, seit man sie bekommen hat,
und machen Schmerzen, wenn sie hassen
und schließlich uns verlassen.
Der Zahnbruch, subjektiv genommen,
ist ohne Zweifel immer unwillkommen.Mitunter sitzt die ganze Seele
In eines Zahnes dunkler Höhle.
Ein hohler Zahn ist ein Asket,
der allen Lüsten widersteht,
weil Mundgeruch dem hohle Zahn entweht.
Auch können Zahnspanggürtel
fungieren wie ein Keuschheitsgürtel.
Doch hat’s die gute Eigenschaft,
dass sich dabei die Lebenskraft,
die oft man außenhin verschwendet,
auf einen Innenpunkt hinwendet.
Es ist und bleibt ein weher Zahn
ein schlechter Schlafkumpan.Ein Zahn, er macht mitunter
die faulsten Leute munter.
Besonders an den Zähnen nagt
der Zahn der Zeit und plagt.
Die Lust aufs allerbeste Beafsteak
wächst, wenn der letzte Zahn fällt weg.
Es ist und bleibt der wehe Zahn
ein schlechter Fresskumpan.Wird der Betäubungsstich gesetzt,
und fühlst du das bekannte Bohren,
das Zucken, Rucken und Rumoren,
ist sie beendet, deine Weltgeschichte,
vergessen sind die Kursberichte,
die Steuern und das Einmaleins,
kurz, jede Form gewohnten Seins.
Was sonst real erscheint und wichtig,
wird plötzlich wesenlos und nichtig.
Es ist und bleibt der wehe Zahn
ein schadenfroher Wegkumpan.Warum bohrt bloß
der Zahnarzt früh am Morgen los?
Ach ja: die Morgenstund
hat Gold im Mund!Ja, selbst die alte Liebe rostet,
man weiß nicht, was der Zahn im Urlaub kostet,
denn einzig in der engen Höhle
des wehen Zahnes weilt die Seele,
und unter Toben und Gesaus
entschließt du dich: Er muss heraus!Du kommst zum Schluss:
Dich reizt das Apfel-Essen nicht.
O, lass uns schauen!
Du hast bloß Implantate nicht
genug zum Apfel-Kauen! -
Mein Beitrag zur Lesung „Plötzlich war alles ganz anders“
Moderation Hans Brockmann
Samstag, 27. Mai 2017
BDSÄ-Jahreskongress Gummersbach
Der Bläuling
An diesem Nachmittag lag meine Stimmung etwas unter der Mittellinie. Ich war müde und wusste, dass mir noch eine Nachtsprechstunde in der Notfallpraxis bevorstand. Nach einem Schläfchen auf dem Sofa saß ich wieder am Schreibtisch, um einen Beitrag über Donald Trump zu überarbeiten, den ich zu der Lesung von Hans Brockmann zum Thema Plötzlich war alles anders geplant hatte. Ich spürte, dass ich nicht richtig vorwärts kam. Die schlechte Laune, die ich bei meinen Gedanken an diesen malignen Narzissten Trump verspürte, bremste mich. Ich überlegte, ob ich einfach aufstehen und etwas anders tun oder über etwas ganz anderes schreiben sollte. Aber worüber? Mir fiel nichts ein. Das ist der typische Moment, in dem ich auf eine Eingebung zur rechten Zeit hoffe und bereit bin, einfach abzuwarten. Ich stand auf und wollte mir in der Küche eine Tasse Kaffee machen, da zeigte eine Meldung am PC, dass mein Freund Giovanni eine E-Mail geschickt hatte. Ich las die kurze Nachricht. Dann erkannte ich, dass die Post einen Anhang trug.
Giovanni ist Künstler und erfreut Birgit und mich immer wieder mit seinen Bildern.
Ich öffnete die Datei. Und plötzlich war alles ganz anders.
Da flatterte ein Schmetterling auf eine Feige zu und füllte mit seinen blauen Flügelchen etwa ein Drittel des Blattes. Die Zartheit der Stimmung erfasste mich sofort, und ich spürte meine Begeisterung über diese unverhoffte Begegnung. Mein erster Gedanke war: So will ich das fotografieren! Giovanni hatte mit seinen Augen fotografiert und dann mit Wasserfarben diesen Schmetterling aufs Blatt gezaubert.
Ja, richtig: Für mich ist seine Art zu malen eine Form von Zauber, vom dem eine Faszination ausgeht, die mich zum Hinschauen, zum Verweilen verführt.
Giovanni weiß um meine Liebe zur Fotografie und zu Naturaufnahmen. Letztes Jahr hatte ich ihm von meinem Plan erzählt, ein Buch mit eigenen Schmetterlingsfotos zu gestalten. Da schenkte er mir ein Taschenbüchlein mit Gedichten und Prosatexten von Hermann Hesse über Schmetterlinge. So übernahm ich einige Texte in das Buch.
Und jetzt dieser herrliche Bläuling! Es muss ein Bläuling sein, kein anderer Schmetterling hat solche hellblauen Ober- und Unterseiten. Obwohl die Konturen nur angedeutet sind, filigran umrissen und unvollständig ausgemalt, ergänzt mein Auge alles, was nicht in Einzelheiten gezeichnet ist. Die Flügel muten an wie bei den Glasflüglern, deren Flügel durchsichtig sind und wie Glasblättchen von einem feinen Rahmen gehalten werden. Die Beine und Fühler des Schmetterlings sind durch feinste Striche skizziert, der hellbraungrüne Leib mit zartester Struktur dem Insekt auf den Leib gepasst. Man sieht die Einkerbungen der Ringe, und doch sind sie nur hingetupft. Auch die geschlossene Feige mit ihrer dunkelvioletten Schale ist nicht voll ausgemalt. Da fehlt ein Stück Farbe, und genau das wirkt wie ein kleiner Lichtschimmer auf der Fruchthülle. Der Stängel der Pflanze ist nur mit einem Strich dargestellt, der aus einzelnen braungrünen Farbtupfen zusammengesetzt wird, und doch sehe ich die Rindenstruktur und die kleinen Abgänge der zarten Blätter. Auch die beiden Feigenblätter sind nur umrisshaft abgebildet und nur teilweise mit hellem Mattgrün gefüllt.
Es gibt nur zwei Farben auf dem Blatt – blau mit zwei Schattierungen und grünbraun mit zwei Schattierungen, und doch wirkt es flügelleicht, sonnenhell, duftig.
Vom fotografischen Standpunkt aus sehe ich: Das Objekt ist sehr gut freigestellt. Der Hintergrund verschwimmt völlig. Es gibt nur den Schmetterling im Vordergrund wie auf einer Nahaufnahme. Wenn ich aber genau hinschaue, gibt es gar keinen Hintergrund, denn Giovanni hat einfach ein hellbeiges Papier mit leicht grauem Unterton genommen, das perfekt als Hintergrund passt. Ich brauche nicht mehr Einzelheiten, um das Bild als vollständig zu empfinden. Das ist eine Eigenart von Giovannis Kunst: Er deutet nur das Wichtigste an und überlässt es dem Betrachter, den Rest der Wirklichkeit beizutragen.
Ich war fasziniert und begann, das Bild auch unter grafischen Gesichtspunkten anzuschauen. Die Blattaufteilung ist perfekt. Das Hochformat ist optisch in Dreiecke eingeteilt, die durch Linien entstehen, die das Bild dritteln. Die erste Linie läuft von rechten Drittelpunkt des unteren Bildrandes in die obere linke Ecke. Hier zieht der Stängel der Feigenpflanze mit der Feige oben drauf. Die zweite Linie verläuft von dem mittleren Drittel des linken Bildrandes in die obere rechte Ecke. Sie verbindet das linke Blatt mit der Feige und dem oberen Rand des Schmetterlings von dem Vorderbein über den Kopf und den ganzen langen Flügel entlang. Die Feige sitzt genau auf der linken Drittellinie, und der Kopf des Schmetterlings markiert die obere Drittellinie des Bildes. Interessant: Auch hier sind die Linien nicht vollständig gezeichnet oder ausgefüllt. Jeweils ein Drittel der Linien sind gar nicht da. Sie existieren nur in meiner Fantasie. Hier hat Giovanni wieder etwas weggelassen und dadurch Spannung erzeugt. Das obere linke Dreieck des Bildes ist leer, und doch fehlt nichts. Es wirkt gefüllt von Hintergrund, von meiner Fantasie, die dort eine Wiese sieht.
Das ist kein zoologisch-botanisches Bild für das Lexikon oder Lehrbuch. Das ist Naturkunst – Kunst in der Natur – Malerei mit ihrer Kunst, die Natur fantasievoll zu beschreiben, so dass dem Betrachter fast alle Fantasie überlassen bleibt.
Wie gesagt: Plötzlich war alles ganz anders. Ich saß hellwach vor dem Blatt, voll Freude und Begeisterung. Ich vergaß die Zeit. Erst ein Blick auf die Uhr mahnte mich, in die Klinik zu fahren. Der Schmetterling begleitete mich den Abend hindurch. Ich schlief mit seinem Bild ein, und am Morgen flog er als erster Gedanke durch mein aufwachendes Bewusstsein und flügelte mich langsam wach, lange bevor ich die Augen öffnete. Dann versuchte ich, den Schmetterling mit Worten zu zeichnen.
Später rief ich Giovanni an und bat ihn, mir das Originalbild zu verkaufen. Als er es mir brachte, erzählte er, dass es tatsächlich mit mir zu tun habe. Denn als er im letzten Jahr an der italienischen Blumenriviera malen wollte, fielen ihm die herrlich reifen Feigen vor seiner Terrasse auf. Dann blätterte er in meinem Schmetterlings-Fotobuch, das er von mir bekommen und in den Urlaub mitgenommen hatte, und fand dort einen Falter, der wunderbar auf die Feige passte. Also prägte er sich diesen ein und setzte ihn kunstvoll stilisiert in Wasserfarben auf die Feige. Jetzt hängt das Bild neben meinem Schreibtisch, und ich freue mich jeden Tag daran.
Diese Geschichte soll zeigen, dass auch kleine Erlebnisse wichtig sind und ganz viel verändern können.
Dietrich Weller
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aus Wicht, Dreck am Saphir, Vidobona Verlag 2013
Nekrolog
Ich habe deine Brille in einer trüben Lache von Absinth gefunden
dein schwarzer Büstenhalter hing am Haken neben jener Tür
ich habe mich um deine Gunst ganz sicher nicht genug geschunden
und glaubte gar zu fest daran, es sei genügend Schnaps im BierDass dir die Knie weich geworden sind, als Dich ein andrer an die Brust gefasst
im Grunde kann ich das verzeihlich finden
und hoffe nur, dass Du auch Spaß daran gefunden hast
Mit einem dümmlich milden Lächeln menschlicher Verzeihung hab,
ich vor jener Tür mich umgedreht
und bin zu einer andern hin gegangen
doch fade grinsend wünschte ich,
dass es mit einem Burschen ähnlich Dir ergehtDas Lächeln und Verzeihung sind oft triste Brüder
und Abstinenz macht mit der Zeit Dich gelb und dürr
doch grade deshalb lieb ich Dich, mein süßes Luder
und heul in schwarzen Nächten in mein Nachtgeschirrwir
Haut an Haut haben wir
gelegen
Mund an Mund
Es war gut, dir zuzusehen
wie du dich anzogst
besser noch dir
die Tasse zu reichen
mit kaltem Tee
unter Lichtern
über welkes Laub
sind wir
in den Nebel gegangenAngebot
Es ist nich trecht von dir, wenn du ganz einfach weitergehst
es steht das spöttisch Lächeln dir recht gut in dem Gesicht
Versuch es doch noch mal mit mir, ich hoffe du verstehst
Vielleicht mach ich auf dich demnächst
ein kleines säuisches Gedicht.Im Volkston
Bin weit mein Weg gegangen
und sah ein Rosbusch steh´n
hab lange vor gestanden
ihn schweigend anzuseh´nund hab es nicht gewagt,
zu brechen mir ein Reis
Ś war dennoch nicht gezagt
brauch alle oder keinsŚ brach an der wilde Winter
ich baut am Weg ein Haus
Dass ich mein Sehnsucht linder
schau ich nach`m Rosbusch ausEr bleibt bei mir mein Leben
bis ich wird´ alt und grau
find Trost im wirren Streben
wenn ich den Rosbusch schauBetrachtungen am FKK
Es muss doch endlich einmal anders werden
mein voller Wanst ist mir zu voll
es machen deine wehrenden Gebärden
mich wilder noch und fast vor Liebe tollUnd wenn ich schweigend deine Nacktheit seh
und deine Hüften und ich seh noch mehr
dann tut es mir in meinen Hüften weh
ich sehne mich, ein bisschen nur, nicht sehr.Und wenn der Wind dann über Dünen streicht
und du hast Angst, dass man es sieht
dann haben´s Wanst und ich erreicht.
Ach sei nur still, ich habe dich tatsächlich lieb.Einsamkeit
Ein Regen weint und Trauer ist in mir
warum, ich bin so fern von dir
Nur noch dein Bild, dein Lächeln ist mir nah
wie lang ist´ s her, dass ich dich wirklich sah
manchmal noch glaube ich, ich spüre einen Hauch
von dir. Doch Kälte ist es nur und Dunkel auchTräumerische Reminiszenz
Ich hatte einstens einen Traum
beileibe nicht von einem Pflaumenbaum
geschweige denn, von einem Kind das Pflaumen aß
ich schwitzt auch nicht, ich träumt nur, dass
die Zeit wär ganz speziell für mich zurückgedreht
(mich wurmt´s, dass sowas nur im Traume geht)Wir sprachen beide grad von Sternen
und eigentlich wollt ich mich doch entfernen
nur bin ich dann noch da geblieben
du hast die Waage mir beschrieben
und hab´s probiert, auf die Gefahr, dass du mich unmoralisch nennst
mir eine knallst und dann nach Hause rennstEs war sehr nett von dir, du tatest`s nicht
und später störte uns sogar des Mondes Licht
auch sah ich noch einmal die Knospenzweige
in jenem Krug, doch besser ich verschweige
wie du den Arm gereckt und rasch das Licht gelöscht.
Jetzt bin ich ziemlich bös auf mich,
warum das nur im Traume möglich ist.Ein kleines säuisches Gedicht
Wenn ich der Schwalben Flug verfolge
und mit dem Dämmern bleibt
noch Wärme des vergang´nen Tags
und ich dich jetzt her holte
verdiente ich der Andern Neid
wir täten, was du gerne magstWir spürten sicher dann den Schweiß
ein jeder auf des Andern Lippen
wenn wir im Fleische fleischlich sind
und sähen selbst im Dunkeln noch das Weiß
der Haut und zählten zärtlich uns die Rippen
vergessend so die Furcht vor einem KindDie Wollust bliebe uns bis in den Morgen
du wärst für mich noch einmal schwach
beim ersten Amselschlag und das Versinken groß
wir wollen schon beim Heute auf das Nächstens borgen
wer weiß, wie lange es uns bleibt dies Dach
und sicher ist nur, was man heut genossRat bei Chaos im Liebesleben
Ich rate dir, frei nach Martial
zu enden deine schwere Qual
denn ich verstehe deinen Schmerz
und kenne das vertrackte Leiden.
Ermanne dich und mach es kurz
du brauchst das Ding bloß abzuschneiden -
aus Wicht, Dreck am Saphir, Vindobona Verlag, 2013
Das archaische Lächeln
Ein heit´res Lächeln flog im Dunkeln durch die Welt
und ward ganz unversehens dort zerspellt
durch eine Neutronenbombe.
Die Seele starb, was übrig blieb
kam in den Besatzer-Souvenirbetrieb.
Ein Kind erhielt das Ding,
von dem keiner mehr wusste, was es war
als es Vater abholen ging.
Es bedankte sich, wie es musste,
doch war die Verwendung nicht klar.
Das Zweifeln hat nicht lange gewährt
der Abwurf hatte sich kaum verjährt
da starben die Sieger selbst,
was keiner ahnen konnte,
an den Folgen ihrer eigenen Bombe
Und mit ihnen starb auch ihr Lächeln,
über das sich Gelehrte anderer Sterne und Zeiten
später noch streiten.Generation Kriegsende
In den Schößen unserer Mütter geborgen
als Bomben fielen
atmeten wir als Säuglinge den Rauch
über verbrannten Städten
manche sehen noch den Freund
heulend
neben der Leiche der erschossenen Mutter
rotznasig
am vorüberziehenden Treckheute
denken wir das Wort Krieg noch
mit tierhafter Angst
auch sehen einige die neue Uniform
und die MPI
in der Hand unserer Soldaten
skeptisch
während Zeitungen von Kosmosflügen
berichten
lesen wir daneben von Kerntestslingua novi temporis
wenn wir von den Oberen sprechen
sagen wir man, von meinem
Nachbarn spreche ich von Hans Schulz
er verlangt nichts von mir und ist freundlichwenn wir von Politik sprechen
sagen wir, man hat das und das
getan, andeutend, das geschah
ohne unsere Einflussnamewenn wir von der misslichen Lage
sprechen, sagen wir, man
wird das schon ändern
auf man lohnt kein Schimpfenwir haben die Hoffnung
die Ohren des Tischnachbarn
in der Kneipe können mit man
nichts anfangen, das ist besserViele der Feistwangigen
Viele der Feistwangigen, die
uns kommandieren
haben ihr Fett
mit Gesinnung erhandelt
und sind auch bereit,
später noch
mit Gesinnung zu handeln.Uns, die wir noch keine
käufliche Gesinnung haben
bleibt oft nur
der Hass als
Ansporn zum HandelnDer Bart
Wir leiden oft zu sehr an den Zerrüttetheiten
an Angst und Arbeitsscheu und Impotenz
da nutzt es nichts, die Seele auszuweiten
denn für die Obern hat das seine KonsequenzDer Mensch, so spricht man klug und laut
und weist dabei auf Friedrich Engels Buch
ist zwar nach Art der Affen aufgebaut
doch ist er Mensch durch seine Arbeitssuch´Die Reste seiner Affigkeit trägt mancher noch
als Bartgestrüppe im Gesicht
wir distanzieren uns jedoch
von ihnen und trauen ihnen nichtdenn nur den wahrhaft Großen sei dies zugesagt
dass ihre Größe dadurch wird´ bewiesen.
Verrucht sei jeder Kleine, der es wagt
auch nur den äußeren Vergleich mit diesen.Doch trotzdem lassen wir die Bärte sprießen
und kompensieren so die Impotenz
es mag die Obern auch verdrießen
wir tun´s in eig´ner Kompetenz.Befindlichkeiten I (1961/62)
In der Zeit, da das Misstrauen wächst
wie dein Bart von einem Tag zum andern,
bedarf eine Freundschaft wahrhaft großen
Vertrauens gegeneinander
oder Naivität und Dummheit und knechtische Unterordnung
und du fragst dich, ob du selbst
der Geliebten deine Gedanken
und dem Gast dein wahres Gesicht
zeigen darfst.
Du weißt nie, ob man dich
deiner Zweifel wegen
und manchmal auch Eigenliebe
nicht für
verdammungswürdig hält.Befindlichkeiten II
Man sagt uns, dass
wir einer hellen Zukunft
entgegengehen
wir lernen die Brutalität
und wären doch oft gern
zärtlich
in uns ist Hass
darum sind wir
käuflich
wer weint, tut es nachts
am Tage gibt es nur
Lachenunsere Kunst ist es,
nicht zu sterben.Heute verrate ich meinen Freund
denn ich will morgen noch
lebendie kleinen Hilfen bleiben ungenannt
aber manchmal sagst du doch
Bruder
um das Lächeln, mit
dem wir Befehle überhören
sollten uns spätere Generationen
bewundern.Über Pazifismus
Ich höre den Gesang von den Gräbern
von dem Hass gegen den Krieg
man will uns wieder mal zeigen,
nur bei uns gibt es wirklich Sieg.Ich halte mich nicht für klüger
ich seh das zerfurchte Gesicht
jenes Sängers von sinnlosen Gräbern
sehr viel Neues sehe ich nicht.Der Hass hat abgenommen
man konserviert ihn wohltemperiert
der moralische Sieg ist wieder gewonnen
doch für ne Idee wird noch immer krepiert -
aus Wicht, Dreck am Saphir, Vindobona Verlag 2013
Über die Nützlichkeit
Am meisten schätze ich die alten Dinge
schon lang gebraucht von anderer Hand
das beste Messer das, mit schmaler Klinge
sehr oft geschliffen schon, als ich es neulich fandAuch jener Sessel, in den ich gern mich fleeze
es saß schon mancher drin, er ist bequem
wir alle wechseln jederorts in Bälde
von dem, was übrig ist, bleibt nur das Nützliche besteh´nWenn ich seit langer Zeit dich heute einmal wieder sehe
weiß ich, manch einer hat dir deinen Mund geküsst
und dies erwägend, mich berührt es kaummit größ´rer Lust ich wieder zu dir gehe
da du nun etwas mehr erfahren bist
es kleidet dich, wie eine reife Frucht den BaumGlaub mir, das hat der Nutzen mich gelehrt
drum scheinst du so erst recht mir als begehrenswert
ich hoff, du wirst mir solche Meinung zugesteh´n
und heißt mich nicht so rasch, doch meiner Wege gehnGedanken beim Abschied, so ganz allgemein
Ach so, auch Dir ganz rasch auf Wiedersehn
ich weiß, daß Du es mir nicht übel nimmst
und hoffe sehr, dass Du mich später noch mal kennst
ich hab´s sehr eilig jetzt und werde weiter geh´nEs nässt der Regen Dir noch manches Jahr in das Gesicht
und wenn man sagt, dass wir die alten bleiben,
so steh´n wir morgen schon in einem neuen Licht.
Es bleibt uns nur, das Heute rasch voran zu treibenMan wird nun stündlich leider immer älter
vielleicht auch klüger, nur so genau weiß man das nicht
und immer ist ein Ende noch nicht abzuseh´n.Ich sorge mich, man wird vielleicht auch einmal kälter
Du machst die Augen zu vorm eigenen Gesicht
und wünschst, die Zeit manchmal zurück zu dreh´nÜber die Bleibe
Wenn auch die Zeiten heute kalt sind
so hoff ich doch, dass ich einst Wärme finde
durch stumme Häuserzeilen bläst ein fremder Wind
und dennoch lob ich sie, die wirren WindeSie kühlen mir die heiße Stirn
und geben mir zum Atmen reine Luft
so wird´ ich älter und ich seh die Häuser gern
in denen ich geweilt, oft mit verschied´ner LustDoch manchmal, wenn ich das Gesicht abwende
und weiter geh mit schnell´rem Schritt
wünsch ich, dass sich einst jemand fände
bei dem ich länger weilen kann, ich nähm´ ihn gerne mitIch denk, wir werden rasch zu Abend essen
und ist es spät, bleib ich auch noch die Nacht.
Mir träumt, ich hab die Straße ganz vergessen
so bleib ich da, sie hat mich nur gebracht.Dichterlied
Ich kannte einst einen Dichter
der war auf sich selber so stolz
laut lachte ihn aus das Gelichter
da ward sein Gesicht starr wie HolzEr wollte recht gerne weinen
doch lachten sie da noch mehr
was hätt´ es genutzt sein Greinen
um die missachtete EhrSo ist es mit manchen Dingen
in dieser freundlichen Welt
doch trotzdem blieb er beim Singen
und brachte es damit zu GeldDas Geld, das ward versoffen
versetzt in Whisky und Gin
so hat er sie richtig getroffen
die Mär von Ehre und SinnKater
Apfel essend hänge ich
einen Strick um meinen Hals
an einem Baum
im nahen Walde leiert eine Dixieband
der kalte Wind pfeift mir durchs Hemd
die Apfelstücken bleiben mir
im Halse stecken
wenn das so weiter geht
muss ich
leider noch verrecken.Freundlichkeit
Es ist gut, aus der Kälte zu treten
ich folge einladender Geste
es genügen schon wenige Worte
und Licht, wärmendes
so dank ich es
willens, jederzeit
auch freundlich zu seinLied von der (dreckigen) Unterwäsche (Selbsttröstung)
Verdrießlich ist oft das Gehabe großer Tiere
die sich so unabdingbar wichtig und ergaben dünken
Sie zahlen gern in Dollar, Westmark oder Lire
und wünschen, dass man springt, wenn sie nur winkenMit ihnen kommen Damen die exotisch riechen
ein solcher Anblick tut dem Mittellosen manchmal weh
doch deshalb braucht man sich nicht gleich verkriechen
besonders wenn man dieses nicht vergisst
dass so ein Mann in seiner Unterwäsche
ein Mensch wie alle andern istSo mancher unter uns fühlt manchmal so ein Drängen
dass er mit großen Taten Ruhm und Ehre sich erwirbt
Er sollte solch Gelüste besser an den Nagel hängen
manch einem ward die Haut dabei schon arg gegerbtDie Großen teilen Größe lieber unter sich alleine
und an die süßen Früchte kommt der kleine Mann nicht ran
doch kommst du näher, machen sie dir Beine
denn nur von weitem siehst du Hoch als Größe an
Es tröstet, wenn man solches nicht vergisst
dass so ein großer Mensch in seiner Unterwäsche
ein Mensch wie alle andern ist.Man hört die Männer öfter über Frauen klagen
mit ihrer Tugend und der Treue sei es nicht weit her
weil sie `nen Andern und Geschicktern ihnen vorgezogen haben
mir lamentieren diese Kerle viel zu sehr
Nur weil ein and´rer Mann gehalten hat, was er versprach
und stark nach Old Spice roch und Whisky trank
verdiente höchstens uns´re Dummheit solchen Krach
mich jedenfalls macht so ein Missgeschick nicht krank
Denn es ist besser, wenn man nicht vergisst
dass selbst Marie in ihrer Luxusunterwäsche doch nur `ne Frau wie alle andern ist. -
Der Frühaufdreher
oder:
Gegen die Zeitumstellung
Gott hatte angeblich die Idee, der Mensch solle sich die Erde untertan machen. Der Mensch hat ihm das abgenommen und angefangen, dies und jenes auf der Erde zu verändern.
Das Klima beispielsweise, oder das Licht. Schaut mal auf Europa bei Nacht. Als ich Abitur machte, sollten die fossilen Energieträger in 25 Jahren aufgebraucht sein. Der Mensch hat sich überschätzt. Er hat selbst das bis heute nicht geschafft.
Als ich Abitur machte, wurde beim Rudern der Skull direkt vorm Einsetzen in das Wasser aufgedreht. Über der Wasserlinie, beim Vorrollen in die Auslage, wurde er abgedreht, also waagerecht geführt. Das klingt richtig, wegen des geringeren Luftwiderstandes.
Das Ruderblatt braucht einen hohen Widerstand im Wasser und einen geringen an der Luft.
Früher war ein Ruderzyklus nach dem Endzug zu Ende. Das ist heute nicht mehr so. Wenn die Hände vor dem Vorrollen über den Knien ankommen, dann erst ist der Zyklus zu Ende. Das mußte ich neu lernen, umlernen. Und über den Knien wird auch aufgedreht. Das ist angeblich besser für das Einsetzen des Ruderblattes ins Wasser. Also: Früher aufdrehen. Ich finde das widersinnig und freue mich darauf, daß man bald wieder rudert wie früher. Es wird so kommen.
Solange bleibe ich eben Frühaufdreher.
Seit 2 Wochen haben wir die Zeit auf Sommerszeit umgestellt. Ich stehe also eine Stunde früher auf. Bin somit auch Frühaufsteher. Man kann die Zeit umstellen.
Die Idee ist nicht neu, schon 1784 erläuterte Benjamin Franklin, daß durch das ausgiebige Nachtleben viel Energie vergeudet würde, und er schlug vor, pünklich ins Bett zu gehen und früh aufzustehen.
Um Energie des Nachts einzusparen, wurde im ersten Weltkrieg eine Sommerzeit eingeführt, nach Kriegsende wurde sie wieder abgeschafft. Im zweiten Weltkrieg gab es dann wieder eine Sommerzeit. 1947 wurde sogar eine doppelte Sommerzeit verordnet, allerdings nur für 7 Wochen, dann war Schluß damit.
Nach der Ölkrise gab es 1980 für Deutschland wieder eine Sommerzeit, und seit 1996 gibt es eine Sommerzeit für die Europäische Union.
Man kann, soweit hat die Menschheit es gebracht, die Zeit schalten. Dafür gibt es heute extra Zeitschaltuhren.
Man kann auch jemandem die Zeit stehlen.
Man kann sich Zeit nehmen.
Man sollt sich immer dann Zeit nehmen, wenn man keine mehr hat.
Heute gibt es sogar Zeitmanagement.
Und Zeitfenster, ganz modern. Besonders in Führungsetagen.
Aber freut Euch nicht zu früh:
Im Herbst wird die Zeit dann wieder zurückgeschaltet.
Ein Wahnsinn.
Eine Riesenspökenkiekerei.
Weil: Die Zeit schaltet sich nicht. Die Zeit läuft auch nicht.
Die Zeit ist einfach eine Idee von uns Menschen, die gerne etwas eindimensional darstellen: Länge, Zeit, Höhe, Breite.
Dem Raum und seinen Veränderungen ist das ganz egal.
Uns ja auch: Die OP Zeit wird manipuliert, die Deutsche Bahn hält sich nicht an Fahrpläne, Verabredungen sind in der Schweiz oder in Frankreich etwas ganz anderes als in Deutschland.
Ich bin immer relativ pünktlich, darum muß ich aber auch viel mehr warten als meine Mitmenschen. Bis auf das Aufdrehen beim Rudern: Da warten immer alle auf mich.
Ich wäre dafür, das Zeit schalten zu unterlassen, der Natur die Zeit zurückzugeben, die Winterzeit abzuschaffen, etwas früher aufzustehen und dafür etwas später aufzudrehen.
Und doch ruft mir der Steuermann wieder zu: Heiner, Du kommst zu spät!
Und dann lachen im Achter wieder sieben.
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Vorgetragen 16.09.2016 auf dem 60. Kongress der Union Mondiale des Écrivains Médecins in Garlate (I)
Die alte Kaffeemaschine war kaputt. Lilo sagte „Schmeiß sie weg!“
„Aber sie sieht doch noch so schön aus – vielleicht kann ich sie reparieren“, entgegnete Leo. „Du wirst doch nicht deine kostbare Zeit daran verschwenden.“
„Und wenn ich daraus noch etwas ganz anderes mache?“ fragte Leo.
In diesem Moment rauschte wieder an ihrem Haus ein Auto vorbei, viel schneller, als es das Schild mit der 30 im roten Kreis erlaubte. Da braute sich ein Gedanke zusammen.
Leo nahm die Maschine und zog sich grübelnd in seine Werkstatt zurück. Er drehte sie hin und drehte sie her. Schließlich stellte er sie kopfüber auf den Tisch. So sah sie ungewohnt und fremdartig aus. Als Nächstes steckte er in eine Öffnung des nun nach oben zeigenden Bodens ein dünnes Plastikstäbchen, das wie eine Antenne empor ragte. Wer das zum ersten Mal sah, musste es für ein geheimnisvolles Cyber-Gerät halten.
Er wartete bis zur Dämmerung und ging, als alle Nachbarn vor ihren Fernsehgeräten saßen, mit dem kunstvollen Gerät sowie mit Klebeband und Kabelbinder über die Strasse hinüber zu dem Schild mit der 30. Mit wenigen Handgriffen war die Konstruktion am Mast des Schildes befestigt. Er trat einen Schritt zurück. Tatsächlich, das Ganze sah perfekt, ja elegant aus und wirkte unbedingt amtlich.
Am nächsten Morgen beobachteten Leo und Lilo, wie ein Auto herangeschossen kam, plötzlich scharf bremste und dann langsam weiterfuhr. Ähnlich verhielt sich das nächste und übernächste. Ein anderer Fahrer hielt wenige Meter nach dem Schild an, setzte zurück, starrte längere Zeit auf das noch nie gesehene, scheinbar extraterrestrische Gerät, und fuhr dann weiter. Wieder ein anderer stieg aus, ging in respektvollem Abstand um das Schild herum, murmelte verstört in sich hinein und fuhr davon. Es gab natürlich auch Fahrer, die völlig unbeeindruckt von nichts Kenntnis nahmen und so fuhren, wie sie es schon immer taten und für richtig hielten. Allmählich aber fuhren die meisten Wagen langsamer – zumindest im Umfeld der Installation. Zweihundert Meter später indessen gaben die meisten wieder tüchtig Gas.
Nach einigen Tagen bemerkte Leo, dass, offenbar über Nacht, jemand die Antenne herausgerissen hatte. Sie lag noch daneben, er konnte sie wieder anbringen. So ging das Spiel über einige Wochen. Doch eines Tages lag das Gerät gänzlich in Trümmern um das Schild herum verteilt. Der Homo sapiens hatte sein wahres Gesicht gezeigt und zeigt es täglich weiter in heftigen Geschwindigkeitsüberschreitungen.
Copyright Dr. Eberhard W. Grundmann
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Der Text stammt aus dem gerade erschienen Buch „Kill the ill“, Band 2, von Benita Martin, im Buchhandel und online erhältlich.
Ich gründete einen Ärztequalitätszirkel. Warum? Um meinen Bildungshorizont zu erweitern.
Fünf Ärzte musste ich finden, die das Ganze mit unterzeichneten.
Der Form halber war noch ein Zertifikat in Deutschland von Nöten: ein Moderatorenschein.
Also warum nicht. Werde ich eben eine Moderatorin. Die Genehmigung seitens der Kassenärztlichen Vereinigung erledigte sich, ohne Witz, wie von selbst. Keine Ahnung warum. Mein Zirkel war genehmigt, staatlicherseits abgesegnet und zertifiziert. Ich durfte an die teilnehmenden Ärzte Qualitätspunkte verteilen!
Für ein paar einleitende Sätze.
Naja, ganz so einfach war es denn nun doch nicht. Ich brauchte einen Referenten, der vom jeweiligen Thema Ahnung hatte.
Aber die Themenauswahl, die Brennpunkte und allgemein üblichen allgemeinmedizinischen Bildungslücken, die konnte ich jetzt bedienen und schließen! Und das nutzte ich aus.
Der Zuspruch war enorm: tickten doch meine Berufskollegen ähnlich wie ich, mein „rtm“, round table medicine, vereinigte nämlich verschiedene Berufsgruppen an einem Tisch. Eine Neuheit in Deutschland. Für mich als ehemalige „Ossi-Ärztin“ eher nicht, gab es doch damals ähnlich geartete fachübergreifende Mitgliederversammlungen.
Und so fanden sich Pflegekräfte, Apotheker, Vertreter der Krankenkassen, Feuerwehrbeamte, SMH- Personal, Physiotherapeuten u.v.a.m. an meinem Tisch ein.
Und eines Tages fiel mein Auge auf KIESER. KIESER-Training in Chemnitz. Eine feste Größe im Rehabilitationsprogramm so vieler Patienten von mir. Und damit verbunden das „fast“ Tabuthema: Beckenbodengymnastik. Dazu das „ganz“ Tabuthema: Orgasmus.
Das galt es nun rtm-mäßig zu beleuchten.
Also lud ich meine Arztkolleginnen und Kollegen ins Chemnitzer KIESER-Trainingscenter ein. Und siehe da. Aufgeschlossen, wie Mediziner nun so sind, erschienen auch zu diesem Workshop zahlreiche Teilnehmer.
Demonstriert wurde die Beckenbodentrainingsmaschine, ich als Cheerleaderin tönte laut, ich wolle es probieren, aber erst, wenn alle den Raum verlassen hätten.
Und so platzierte ich mich auf diese längliche Rolle unter Aufsicht der KIESER-Trainingsleiterin und zupfte und kniff zu, mit meinen Beckenbodenmuskeln. Und siehe da! Es kam eine Kurve auf dem Aufzeichnungsgerät zustande. Oh wie bemühte ich mich, diese nach Anleitung zu optimieren. Und wie stolz war ich, dazu gelernt zu haben betreffs Empfangs- und Liebesfreudigkeit.
Danach marschierte ich zum anschließenden Imbiss und stellte mit Wohlwollen fest, wie der Reihe nach alle Kollegen und Kolleginnen mit leicht geröteten Wangen lächelnd und weitergebildet aus dem Trainingsraum schlenderten.
Mein rtm war wieder ein voller Erfolg.
Copyright Dr. Benita Martin
